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12. Gewitterflug - Emanuel Schuster

// Emanuel Schuster, Lucian Haas · 2019-08-09 · 00:42:54 · original episode

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[show notes]
Podz-Glidz Folge #12: Emanuel Schuster geriet mit dem Gleitschirm in eine Gewitterwolke. Davon erzählt er im Gespräch mit Lucian Haas. Gewitterwolken, Cumulonimbus, kurz: CB. Für Gleitschirmflieger sind das die Wolken des Grauens, die Dunkle Seite der thermischen Mächte. Wer mit dem Gleitschirm in eine Gewitterwolke gerät, wird zum Spielball der Natur. Extreme Aufwinde, Aufstieg bis in bitterkalte Höhen, Regen, Hagel, Vereisung, Blitzschlag. Wer aus einer solchen kalten Hölle lebend und ohne gravierende Schäden an Leib und Schirm wieder herauskommt, hat einen riesigen Schutzengel. Das gilt auch für den 45-jährigen Emanuel Schuster. Der erfahrene Pilot aus der Steiermark in Österreich geriet am 19. Juli 2019 bei einem Streckenflug vom Schöckl aus in ein Gewitter. Es war ein sehr labiler Tag. Als es in den höheren Bergen schon anfing zu regnen, flüchtete Emanuel in der Luft nach Süden ins vorgelagerte Flachland, wo der blaue Himmel lockte. Doch aus dem großen Sonnenloch wurde dann schneller, als er es verstand und realisierte, eine große Steigzone und schließlich eine ausgewachsene Gewitterwolke. Der konnte er nicht mehr entrinnen. Sie zog ihn bis auf 6400 Meter hinauf, gab in aber auch wieder frei. Am Ende schlug er mit steif gefrorenen Händen am Retter hängend auf einem Garagendach ein. In dieser zwölften Folge von Podz-Glidz erzählt Emanuel Schuster, warum und wie er in das Gewitter geriet. Er berichtet von seinem lange vergeblichen Kampf, wieder aus der Wolke zu kommen. Er spricht von seinen Gedanken und Gefühlen in dieser Extremsituation; analysiert mögliche Fehler, erläutert die Grenzen der Technik wie z.B. das GPS-Versagen und fehlende Abstiegsmöglichkeiten bei Zweileinern. Zudem gibt er wertvolle Tipps, wie man sich als Pilot verhalten sollte, wenn man selbst einmal in eine saugende Wolke gerät. Mehr von Podz-Glidz auf: http://lu-glidz.blogspot.com https://soundcloud.com/lu-glidz Wenn Du Podz-Glidz und den Blog Lu-Glidz fördern möchtest, so findest Du alle zugehörigen Infos unter: https://lu-glidz.blogspot.com/p/fordern.html Musik: The Parting Glass (Instrumental) by Aussens@iter (c) copyright 2018 Licensed under a Creative Commons Attribution (3.0) license. http://dig.ccmixter.org/files/tobias_weber/57892 Ft: Doxent Zsigmond

[transcript]

0:10Emanuel Schuster

Also ich habe keinen Blitz direkt gesehen, ich habe nur ein paar mal so ein Flashlicht, also ein Blitzleuchten gesehen, aber gefühlt waren die Blitze, gefühlt waren es, waren die maximal 100 Meter entfernt.

0:49Lucian Haas

Podz-Glidz, der Lu-Glidz -Podcast.

0:53Emanuel Schuster

Geschichten aus dem Kosmos des Gleitschirmfliegens.

0:58Lucian Haas

Heute mit

0:59Emanuel Schuster

Emanuel Schuster aus der Steiermark vom Schöckl.

1:06Lucian Haas

Und Lucian Haas am Mikrofon.

1:11Lucian Haas

Gewitterwolken, Cumulonimbus, kurz CB, für Gleitschirmflieger sind das die Wolken des Grauens, die dunkle Seite der thermischen Mächte.

1:23Lucian Haas

Wer mit dem Gleitschirm in eine Gewitterwolke gerät, wird zum Spielball der Natur. Extreme Aufwinde, Aufstieg bis in bitterkalte Höhen, Regen, Hagel, Vereisung, Blitzschlag. Wer aus einer solchen kalten Hölle lebend und ohne gravierende Schäden an Leib und Schirm wieder herauskommt, hat einen riesigen Schutzengel.

1:43Lucian Haas

Das gilt auch für den 45 -Jährigen. Emanuel Schuster. Der erfahrene Pilot aus der Steiermark in Österreich geriet am 19. Juli 2019 bei einem Streckenflug vom Schöckl aus in ein Gewitter. Es war ein sehr labiler Tag. Als es in den höheren Bergen schon anfing zu regnen, flüchtete Emanuel in der Luft nach Süden ins vorgelagerte Flachland, wo der blaue Himmel lockte. Doch aus dem großen Sonnenloch wurde dann, schneller als er es verstand und realisierte, eine große Steigzone und schließlich eine ausgewachsene Gewitterwolke. Der konnte er nicht mehr entrinnen. Sie zog ihn bis auf 6400 Meter hinauf, gab ihn aber auch wieder frei. Am Ende schlug er mit steifgefrorenen Händen am Retter hängend auf einem Garagendach ein. In

2:30Lucian Haas

dieser 12. Folge von Podz-Glidz erzählt Emanuel Schuster, warum und wie er in das Gewitter geriet. Er berichtet von seinem lange vergeblichen Kampf, wieder aus der Wolke zu kommen. Er spricht von seinen Gedanken und Gefühlen in dieser Extremsituation, analysiert mögliche Fehler, erläutert die Grenzen der Technik, wie zum Beispiel das GPS -Versagen und fehlende Abstiegsmöglichkeiten bei Zweileinern. Zudem gibt er wertvolle Tipps, wie man sich als Pilot verhalten sollte, wenn man selbst einmal in eine saugende Wolke gerät.

3:03Lucian Haas

Emanuel, was ist dir lieber, wenn dich Fliegerkollegen zum Überleben eines Fluges mit dem Gleitschirm in einer Gewitterwolke beglückwünschen, oder wenn sie sagen, wie konntest du nur bei solchen labilen Bedingungen überhaupt fliegen gehen?

3:17Emanuel Schuster

Ja, also die Mehrheit wird mich beglückwünschen. So wie es meine Freunde schon getan haben. Einige wenige, die glauben, dass man das sachlich vorher erkennen könnte, wann eine Wolke wirklich zur Gewitterwolke wird. Also ich hatte so eine Kritik auch schon in den sozialen Medien, die gesagt haben, der ist rein selber schuld. Wenn sie im Wetter sagen, Gewitterrisiko, dann darf er einfach nicht starten.

3:47Lucian Haas

Was hat dich überhaupt veranlasst, bei solchen labilen Bedingungen fliegen zu gehen?

3:51Emanuel Schuster

Ja, vermutlich das Gleiche, was meine Freunde dazu veranlasst hat. Es war wie ein üblicher Sommertag, wo nahezu des Öfteren eine Gewitterneigung besteht. Und wie die meisten Fliegerwesen, der Schöckl liegt am Rande zum Flachland hin. Bis jetzt sind wir immer beruhigt gestartet. Und wenn die Wolken hinter uns in den Bergen zu steil gewachsen sind, zu Castellani wurden oder ähnliche Anzeichen hatten, dann sind wir sicher ins Flachland geflogen. Und ja, waren uns eigentlich sicher, dass wir 100 Prozent alles richtig machen und uns keinem unnötigen Risiko aussetzen.

4:33Lucian Haas

Wir sprechen hier vom 19. Juli als der Tag, an dem du da geflogen bist. Beschreib doch mal kurz die Wetterlage an diesem Tag in der Region von Graz. Und wie hast du die Lage vor deinem Flug eingeschätzt?

4:46Emanuel Schuster

Ja, also am Donnerstag ist bei uns immer Clubabend in der Flugschule. Und da habe ich einen neuen Schirm bekommen. Hat mich eigentlich auf einen Flug für Samstag eher eingestellt. Aber die Freunde meinten natürlich, na, morgen Freitag ist der bessere Tag. Komm, wir treffen uns. Der neue Schirm muss in die Luft. Ja, also meine Vorbereitung für den Freitag war nicht optimal. Aber auch wenn ich Wetter geschaut hätte, wäre ich vermutlich ziemlich sicher fliegen gegangen. Denn der Tag hat ganz normal begonnen. Wunderbare Thermik. Gleich am Schöckl auf 2 -1. Das ist die Standardflughöhe. Dann sind wir nach Norden geflogen. Hier war auch alles wunderbar.

5:31Emanuel Schuster

So wie wir es immer kennen. Meine Freunde sind eigentlich schon voraus geflogen. Ich habe mir ein bisschen Zeit gelassen. Aber nach eineinhalb Stunden schon wurden mir die Wolken hinten in den Bergen doch zu hoch. Und da war meine Entscheidung. Also ich fliege jetzt sicher nicht Richtung Hochschwab oder in die Berge hinein. Sondern ich fliege einfach zurück ins Flachland. Wo alles blau war, ohne eine einzige Wolke. Und schaue, was da der Tag noch hergibt.

6:01Lucian Haas

Das heißt, du wolltest dann wahrscheinlich in eine Art flaches Dreieck fliegen. Und sagst, okay, ich fliege dann ins Flachland raus und dann wieder zum Landeplatz, zum Schöckl zurück.

6:10Emanuel Schuster

Ja, genau. Also ich hatte für den Tag keinen fixen Plan. Einfach mit dem neuen Schirm fliegen. Ich dachte mir, im Flachland, da fliege ich doch auch gerne. Probieren wir es mal wieder Richtung Ungarn rüber. Das hat auch gut funktioniert. Ich war bei Kilometer 110, wie ich drüben gewendet habe. Und dachte, naja, zurück könnte es ja auch noch funktionieren. Zum Schluss war ich auf 1000 Meter unten, bevor es dann sozusagen zum Steigen begonnen hat. Leider ganz leicht. Nur ein Meter Steigen, zwei Meter. Überhaupt kein Risiko erkannt.

6:48Lucian Haas

Aber das war ein großflächiges Steigen, was du dort hattest. Waren denn dann auch schon Wolken über dir zu sehen? Oder war einfach nur, du flogst quasi im Blauen und es stieg wunderbar?

6:59Emanuel Schuster

Also die Situation war so, ich war circa 10, 15 Kilometer vor den Bergen im Flachland. In den Bergen hinten haben schon zwei, drei kleine Wolken ausgeregnet. Und links von mir war es knallblau. Also wunderschön blau. Der Wind war auch, ich sage mal mäßig, 10, 15 km/h im Flachen. Das ist der normale Bodenwind, den wir dort haben. Und ich habe natürlich dann, bin natürlich Richtung ins Blaue geflogen am Rand. Und dachte mir, hier wird wohl die nächste Wolke aufstehen. Aber ich glaube, das Zusammenspiel von dem Regen dahinter und eventuell einem leichten Kaltluftausfluss und dem großen blauen Feld, da hat sich ja so eine Menge Energie aufgebaut,

7:44Emanuel Schuster

die dann sozusagen in einem zu einer einzigen Wolke wurde, eben zu der Gewitterwolke. An einem schönen Tag. An dem Tag werden daraus wahrscheinlich zehn kleinere Kumuli geworden. Aber an dem Tag hat anscheinend der Kaltluftausfluss oder der Schatten von der Wolke das ganze Feld zum Thermikabriss gebracht. Und mit diesen Steigen bin ich eigentlich ohne viele Möglichkeiten aufgestiegen.

8:12Lucian Haas

In welchem Zeitraum hat sich das denn quasi so umgestellt, dass du sagst, du bist eigentlich im Blauen geflogen und mit einem Mal fingen diese Steigen an. Und dann wuchs da auch schon diese große Wolke. Ist das innerhalb von fünf Minuten oder war das eine Viertelstunde? Wie habe ich mir das vorzustellen?

8:28Emanuel Schuster

Ja, also ich war schon unten auf 900 Meter, habe mich schon umgeschaut, wo sind die nächsten Bahnhöfe. Habe eigentlich jetzt nichts mehr geplant gehabt. Mit dem Zug geht es doch recht gut zurück. Dann das Problem war vielleicht auch, es kam nicht abrupt. Es gab kein klares Anzeichen. Es fing einfach an mit sanften Steigen. Aber es war dann die Kombination. Es hat auch der Wind aufgedreht. Und dann natürlich, ich bin eine Zeit lang, bis ich so mal drei Meter Steigen hatte, recht sorglos natürlich dahin geflogen. Dann war ich schon auf so 1700. Und dann habe ich mich schon noch mal natürlich kritisch umschauen angefangen. Und dachte, naja, da wirst du jetzt noch ein Stück weiter nach Süden raussteuern.

9:16Emanuel Schuster

Aber dann hat der Wind auch noch so aufgefrischt. Bei circa 2000 habe ich mich schon wieder umgeschaut. Dann habe ich dann, ich habe auch einen Spiralschirm mitgehabt, habe ich den Spiralschirm geschmissen und habe angefangen zu spiralen. Aber leider muss ich jetzt im Nachhinein gestehen, ich war mir noch nicht dem großen Risiko bewusst. Habe dann sanft spiralt, bin auch ein bisschen gesunken, aber es war eher ein Nullschieber, den ich spiralt habe. Und ich habe nur gemerkt, durch den Windversatz gerate ich dadurch wieder weiter nach hinten in ein besseres Steigen. Dann habe ich mich in Spiralen aufgehört und habe mich entschieden, Kurs ins Blaue hinaus, nach Süden. Und ja, wollte eigentlich an der Vorderseite

9:58Lucian Haas

rausfliegen. Was heißt Vorderseite rausfliegen? Warst du da schon in der Wolke drin oder wolltest du raus ins Blaue fliegen?

10:05Emanuel Schuster

Also über mir hat sich die Wolke schon, eine Wolke schon formiert gehabt. Nichts Großartiges. Aber das Steigen nahm dann konstant zu auf fünf Meter, sechs Meter integriert. Bei dem Steigen. Und natürlich ist das etwas turbulenter. Bin ich so mit 10, 15 km/h gerade noch Richtung Süden geflogen. Und da wurde mir schon klar, aber es ist Sommer. Es war warm. Also bis auf dreieinhalb tausend Meter hatte ich noch keine Sorgen, dass daraus jetzt irgendein Dilemma wird. Ich dachte mir, jetzt wirst du wohl endlich bald mal draußen sein. Vorne bei dieser Wolke.

10:43Lucian Haas

Nun beschreibe mal die Situation, als du bemerkt hast, du wirst doch tatsächlich in die Wolke hineingezogen. Was hast du da gedacht und was hast du dann auch wirklich nochmal gemacht?

10:55Emanuel Schuster

Ja, was gemacht? Wenn ich, was ich gerne gemacht hätte, ich hätte mir gerne meine Fäustlinge angezogen. Aber wie viele Piloten habe ich die im Sommer nicht vorne mitgehabt, sondern hinten drin in der Ausrüstung. Weil ja, wenn man nur auf zweieinhalb tausend an dem Tag vorher zu fliegen, nimmt man sich im Sommer keine Fäustlinge mit. Besonders bei uns im Hügelland nicht oder im Flachland, ja. Ja, ich habe da meine Instrumente. Ich habe ein gutes Garming -Gerät mit 3D -Kompass und noch ein Tablet, wo das XC -Track drauf läuft. Ja, also mein Vorhaben war rauskommen vorne an der Vorderseite, weil Spiralen mit einem Zweiliner ist nicht so effektiv, wie wir es kennen.

11:42Emanuel Schuster

Also die Gehkräfte sind enorm hoch. Und das Letzte, was ich wollte, weil man in der Wolke, du tust dir schwer, überhaupt den Schirm noch zu steuern, weil du keine Orientierungspunkte mehr hast. Und wenn du aus der Spirale rauskommst in Turbulenzen und einen Klapper kassierst, ja, das wollte ich auch vermeiden. Dadurch nur die Entscheidung, nach Süden rausfliegen. Das hat auch funktioniert. Bei 4000 war ich schon an der Wolkengrenze. Es wurde schon heller. Man sieht schon fast die Umrisse von der Sonne. Und das ging auch zwei-, dreimal so, bis ganz nach oben. Bin immer wieder an die Grenze gekommen. Der Wind war allerdings schon enorm stark. Ich hatte teilweise, wenn es mich gegen die Flugrichtung gedreht hat,

12:29Emanuel Schuster

Geschwindigkeiten um die 98 bis 100 km/h. Und so kam es, dass ich eigentlich immer an der Außenseite von der Wolke geflogen bin und gestiegen bin. Das heißt, du

12:39Lucian Haas

hast versucht, aus der Wolke herauszufliegen, aber der Wind zog so in die Wolke rein, dass du wirklich eigentlich gar keine Chance hattest.

12:47Emanuel Schuster

Ja, also ich vermute, jedes Mal, wenn ich nach hinten gezogen wurde, dann wurde auch das Steigen stärker. Also ich vermute, dass das eben wie bei der Thermik ist, quasi die Dissstärke, der Wind, der überregionale Wind kam auch aus Südwest. Ich bin nach Süden raus. Also ich glaube, das Zentrum hinten war wesentlich höher. Und ich finde nach wie vor, dass ich das so richtig gemacht habe. Am besten wäre natürlich gewesen, schon in 1500 Meter eine satte Spirale zu machen, landen zu gehen und sagen, ich verzichte aufs Weiterfliegen. Ja, wichtiger ist, dass ich morgen wieder fliegen gehen kann. Du hast gesagt, du warst mit

13:28Lucian Haas

einem Zweiliner unterwegs. Welcher Schirmtyp war denn das?

13:32Emanuel Schuster

Ja, also das war ein Jeansschirm. Auf das Modell möchte ich jetzt nicht genauer eingehen. Aber der Schirm war top. Also ich hatte in dem ganzen Aufstieg keinen einzigen Klapper am Schirm. Da ließ ich wunderbar fliegen. Aber ab 5000 Meter fing halt alles an. Zuerst wurde ich natürlich nass durch den ganzen Regen und durch die feuchte Wolke. Dann fing das alles zu vereisen an. Also zum Schluss waren aus den dünnen Leinen, die wir kennen, die hatten so circa nach hinten eine 3 cm Eisschleppe, alle Leinen. Das hat den Widerstand natürlich enorm erhöht. Ich glaube, dass ich deswegen nicht aus der Wolke rausgekommen bin, weil der Schirm eigentlich immer langsamer wurde. Der Schirm ist vereist, innen drin.

14:20Emanuel Schuster

Es ist natürlich gefüllt. Der Hagel, das waren die 20 Minuten, was ich im feinen Hagel, das waren so Hagelkörner, Gott sei Dank nur in einer Größe von 5 bis 10 mm. Also der Schirm hat sich damit schon satt gefüllt gehabt.

14:37Lucian Haas

Das heißt, du hattest Eisleinen und quasi einen Eisschirm über dir. Welche Steigwerte hatte denn der Schirm dann noch in der Wolke? Ja, also die Steigwerte,

14:46Emanuel Schuster

die haben sich dann immer so zwischen 6 und 10 m konstant bewegt. Das Sinken, was ich zwischendrin hatte, das waren glaube ich nur die Momente, wo es mich aus dem Wind gedreht hat. Aber ja, 6 bis 10 m war das Steigen noch immer konstant. Der Schirm ist auch super einwandfrei geflogen. Ich musste natürlich sehr stark aktiv fliegen, um keine Klapper zu kassieren, weil ein Klapper mit einem starken Verhänger, durch das ganze Eis auch, wenn du da abtrudelst, 3 -4.000 m. Erstens, ich weiß nicht, ob du dann noch bei Bewusstsein bist oder nicht schon das Bewusstsein verlierst. Und wenn die Sinkgeschwindigkeit zu hoch ist, dann kommt es auch noch zu dem berühmten Retterplatz.

15:32Emanuel Schuster

Also die Hintergedanken hatte ich darum, den Schirm in allen Fällen aktiv fliegen. Ohren anlegen habe ich zwischendrin ein paar Mal gemacht, aber das ist natürlich bei den Steigwerten lächerlich. Das macht es eigentlich eher nur schwer. Es ist viel schwieriger, den Kurs zu halten und den Schirm sauber zu fliegen.

15:50Lucian Haas

Wie turbulent war es denn innerhalb der Wolke? Manchmal sagt man ja auch, dass ein sehr starkes Steigen häufig auch im Zentrum dann relativ gleichmäßig nach oben geht. Hat sich da vollkommen durchgebeutelt?

16:02Emanuel Schuster

Ich war, glaube ich, noch nicht im Zentrum vom Steigen. Ich war in der Randzone, wo eben auch der Wind reingeblasen hat. Es war schon sehr schwierig, aktiv zu fliegen, aber wie gesagt, es ging ohne Klapper. Vermutlich dadurch, dass die ganze Luftmasse sowieso gestiegen ist. Da ist es, glaube ich, ohne den, ohne His, schwieriger, einen Klapper zu kassieren. Aber es war nicht turbulenter. Wenn die gleiche Thermik im Blauen gewesen wäre, wäre sie vermutlich gleich turbulent gewesen. Also nein, in der Wolke ist es nicht turbulenter als wie außerhalb.

16:35Lucian Haas

Wie sieht es in so einer Gewitterwolke aus? Hast du da überhaupt noch was gesehen oder war es

16:39Emanuel Schuster

schon ganz dunkel? Wie die meisten wissen, je höher eine Wolke ist, desto dunkler

16:44Lucian Haas

ist es.

16:44Emanuel Schuster

Durch die ganzen Wassermoleküle, die das Licht quasi abhalten. Also es war sehr dunkel. Das Problem war bei dem Regen auch immer wieder solche Eisschwaden dazwischen. Ich musste eiskratzen bei den Brillen, ich musste bei den Instrumenten eiskratzen. Also ich habe teilweise nach oben gesehen, ich habe nicht einmal den Schirm gesehen. Gab es auch Blitze um dich herum oder hast du Donner da gehört? Genau. Am Ende dann, wie ich so auf 6,4 war meine maximale Höhe, so ab 6.000 herum, fing es dann an endlich aufhören zu hageln. Und ich habe gemerkt, ich bekomme endlich wieder Vorwärtsgeschwindigkeit. Ich hatte jetzt am Schluss schon 20, 30, 40 km/h Richtung Süden Geschwindigkeit. Und dann ging das Donnern los.

17:30Emanuel Schuster

Also ich habe keinen Blitz direkt gesehen, ich habe nur ein paar mal so ein Flashlicht, also ein Blitzleuchten gesehen. Aber gefühlt waren die Blitze, gefühlt waren es, waren die maximal 100 km/h. Und in dem Moment war ich dann das erste Mal wirklich ratlos und habe mir gedacht, so jetzt kannst du eigentlich gar nichts machen.

17:51Lucian Haas

Hattest du in solchen Momenten so etwas wie Todesangst? Oder warst du so konzentriert auch mit dem Offenhalten des Schirms und dem aktiven Fliegen, dass du solche Gedanken in dem Moment gar nicht haben konntest?

18:02Emanuel Schuster

Ja, nein, also Todesangst hatte ich noch keine. Ich versuche immer, als Gleitschirmflieger kommt man doch immer wieder mal in bremsliche Situationen. Und Angst habe ich nicht. Das blockiert einen eigentlich und macht einen eher handlungsunfähig. Also ich habe schon versucht, immer meinen Kurs zu halten, den Schirm aktiv zu fliegen, nicht die Nerven zu verlieren. Weil sobald ich aufgehört hätte, in die Richtung zu fliegen, wäre ich vermutlich Richtung Zentrum gezogen worden. Und also Fliegerkollegen, die von Deutschland, Österreich geflogen sind, die hatten schon Gewittertops mit 10.000 m. Aber das... Ja, ich kann es nicht sagen. Ich hatte nie Sicht ins Freie, um abzuschätzen, genau ob ich in der Mitte oder am Rand von einer Wolke bin.

18:49Emanuel Schuster

Das konnte ich nicht beurteilen.

18:52Lucian Haas

Warst du denn die ganze Zeit bei Bewusstsein oder hast du das auch zwischendurch mal verloren?

18:57Emanuel Schuster

Nein, also das Bewusstsein war normal da. Die Hände, die... Zuerst natürlich gingen sie mal ein bisschen zäher, aber das kennt man vom Streckenfliegen auch im Frühling, die Finger. Zum Schluss war es schon so, dass die Hände bis zum Ellbogen hin eigentlich fast steif waren. Ich habe sie zwar innerlich noch gefühlt, aber ich habe sie angeschaut und es hat sich nichts mehr bewegt. Ich wusste noch nicht, wie sich Erfrierungen auswirken. Ich dachte eigentlich, dass das ohne große Schäden an der Haut oder sonst was vonstatten geht.

19:33Lucian Haas

Wie lange warst du denn insgesamt dann in der Wolke drin? Und bist damit wirklich quasi ein Spielball der Gewalten in dem Moment gewesen?

19:40Emanuel Schuster

Ja, also ich sage mal von da bis auf 6.4 auf. Das war eine gute Dreiviertelstunde mit dem Steigen. Mein Instrument hat sich dann leider bei der Landung, das hat sich durch Wasser und den Aufschlag alles erledigt. Am Garmin ist noch was zum Sehen oben. Aber ohne es zu übertreiben, also es war eine Stunde zwanzig. Von dem Moment, wo es mich quasi eingesaugt hat bis zum Aufprall. Bei der Landung war es keine, es war ein Aufprall.

20:16Lucian Haas

Wie bist du denn aus dieser Wolke rausgekommen? Hat die dich seitlich quasi ausgespuckt, beziehungsweise bist du dann seitlich nach Süden rausgeflogen? Oder bist du dann irgendwie in Abwinden nach unten aus der Wolke rausgefallen?

20:28Emanuel Schuster

Ja, das ist, also ich oben auf der Höhe hatte ich wie gesagt schon Vorwärtsfahrt Richtung Süden. Ich war heilfroh. Ich dachte auch schon zur Wolke, so innerlich habe ich gesagt, was willst du noch? Du hast geregnet, du hast gehagelt, du hast geblitzt, gedonnert. Mehr kann eine Wolke eigentlich nicht. Also ich dachte, die muss jetzt endlich mal am Ende sein. Und so war es dann auch. Ich bin Richtung Süden geflogen, aber nicht raus aus der Wolke. Dann, wie ich Vorwärtsfahrt hatte, habe ich wieder probiert, beim Schirm die Ohren anlegen. Das hat auch funktioniert, nur habe ich dann gemerkt, dass ich eigentlich im Sackflug bin. Also durch den ganzen Leinanwiderstand und dem Eis und dem Gewicht im Schirm ist der einen konstanten Sackflug gegangen.

21:13Emanuel Schuster

Anfangs bin ich nur mit vier Metern gesunken, weil ich noch eigentlich in steigender Luft geflogen bin. Als ich dann auf 3000 unten bei der Wolke rausgekommen bin, haben die Probleme von vorne begonnen. Und zwar das ganze Eis im Schirm hat sich verflüssigt und das Wasser ist in die angelegten Ohren reingekronnen. Und auf einer Seite mehr, auf der anderen weniger. So, jetzt hatte ich dann schon zehn Meter sinken. Der Schirm hat leicht gedrudelt. Die Leinen waren durch das ganze Eis so verhängt. Also ich habe den Schirm auch mit leichten Gasbetätigungen, so bis Halbgas, nicht mehr zum Anfang gebracht. Ja, auf 2000 mit den gefrorenen Händen dachte ich so, okay, der Retter muss raus. Weil, ja, der Schirm, so probiere ich nicht weiter, der Retter muss raus.

22:02Emanuel Schuster

Das hat dann mit den gefrorenen Händen natürlich auch länger gedauert. Ich hatte einen Rogallo, einen super eigentlich lenkbaren Retter. Der hat auch super aufgemacht. Was mich dann verwundert hat, ich schaue, hm, ich habe noch immer an die acht Meter sinken gehabt, ja. Da dachte ich so, Retter, Retter schaut gut aus. Gut, Schirm in Scherenstellung. Habe auch Quick -Cut -Karabiner. Okay, mit den gefrorenen Händen Quick -Cut -Karabiner aufmachen. Da merkt man gleich, das nimmt einiges an sich. Man hat halt Zeit in Anspruch, wenn man eigentlich nur mehr die Daumen hat, mit denen man was betätigen kann. Habe dann eine Seite ausgehängt. War dann noch immer bei sieben Meter sinken. Wieso, erkläre ich dann gleich. Ja, die zweite Seite habe ich dann nicht mehr geschafft. Das Ganze ist ziemlich sicher oder vermutlich deswegen, weil ich natürlich in sinkender Luft mit dem Rettungsschirm runtergekommen bin.

22:53Emanuel Schuster

Noch mit den Abfinden vom Regen. Und der Hauptschirm natürlich voll mit Eis und Wasser war. Also meine Freunde, die den Schirm geholt haben, die sagten, dass da auf jeder Seite ja an die guten vier, vier Kilo, fünf Kilo Wasser noch drin waren in den Ohren. Dann habe ich versucht, noch die zweite Seite auszuhängen. Dachte, vielleicht ist es die Scherenstellung, die mir das starke Sinken beschert. Aber so 200 Meter über Grund habe ich dann das Ganze aufgegeben, habe geschaut. Okay, wo werde ich runterkommen? Es war natürlich alles da. Wald, Wiesen, Wiesen mit Stromleitungen. Und eine Ortschaft. Und in den letzten 100 Metern habe ich hergerichtet, Füße raus.

23:38Emanuel Schuster

Man weiß ja nicht, vielleicht gibt es ja doch noch irgendeinen Bodeneffekt oder guten Effekt. Vielleicht hat man ja doch nicht die ganze letzte halbe Stunde nur Pech. Ja, im Endeffekt hat es mich dann noch 180 Grad gedreht. Und mit noch mehr Seitenwind verkehrt ins Dorf hineingeblasen. Und ich bin einfach, wo der liebe Gott wollte. Gott sei Dank auf einem weichen Ziegeldach sozusagen eingeschlagen, detoniert.

24:07Lucian Haas

Nun hast du gesagt, du hattest einen Rogallo -Retter, also eigentlich einen steuerbaren Retter. Konntest du den mit deinen gefrorenen Händen nicht bedienen? Oder bist du gar nicht auf die Idee gekommen, aus dem Stress heraus, dass du sagst, oh, ich könnte den ja noch steuern? Oder was ist da passiert?

24:22Emanuel Schuster

Ja, nein, also ich hatte schon vor, den Rogallo zu steuern, weil den hatte ich schon auf ca. 1.500 heraus. Durch den Hauptschirm. War es aber so, dass ich verdreht unter dem Rogallo drin war. Jetzt hatte ich den rechten Tragegurt, den habe ich schön gesehen. Denn da habe ich auch die Schlaufe rausbekommen. Trotz den Gefahren, weil die vorderen vier Finger, die waren fix beieinander. Die habe ich nicht mehr auseinandergebracht oder so. Und den Tragegurt von der linken Seite, der war irgendwo hinter mir. Und ohne Gefühl in den Fingern habe ich da nichts mehr erwischen können.

24:56Lucian Haas

Und damit war der Rettungsfirm auch für dich nicht steuerbar. Sondern du musstest nehmen, was kommt quasi.

25:01Emanuel Schuster

Genau, er war nicht steuerbar. Ich hatte wirklich Glück, weil wenn man eine Hauswand erwischt oder den Dachstuhl bei einer Ecke, Bäume wären auch noch okay gewesen. Also auf einer Wiese, das wäre definitiv eine sehr harte Landung geworden. Ich kann jetzt nicht sagen, aber sieben Meter pro Sekunde, das ist sicher ein Sprung aus gut vier Metern, wenn es nicht fünf sind. Und ja, also ich war froh. Dieses Ziegeldach, das war so eine Scheune. Und die hatte natürlich jetzt nicht so einen stark stabilen Dachstuhl. Also ich glaube, dass das alles abgefedert hat. Und dass ich verkehrt gelandet bin, sehe ich jetzt auch als Vorteil, weil das Gurtzeug natürlich hinten einen super Schaumstoffprotektor hatte und eigentlich den Großteil vom Aufprall abgefangen hat.

25:50Lucian Haas

Was hast du denn letztendlich an körperlichen Schäden dann davongetragen? Ja,

25:57Emanuel Schuster

also die Landung ging, wie wir erwarten, sehr gut aus. Ich habe nur am Ellbogen quasi so eine ein Zentimeter Platzwunde gehabt. Eine Rippe schmerzt jetzt noch ein bisschen, die dürfte ein bisschen angeknackst sein. Aber eigentlich etwas, mit dem man quasi nicht einmal zum Arzt gehen müsste. Also die Landung hat gut funktioniert. Die Probleme, die ich jetzt noch die nächsten zwei, drei Wochen auch noch haben werde, sind meine vorderen acht Finger. Die waren doch durchgefroren bis nach innen. Und ja, wenn Wasser gefriert in der Haut und im Gewebe, dann zerstört es die ganzen Zellen. Also meine acht Finger, die mussten im Krankenhaus wirklich mit Infusionen quasi gerettet werden.

26:43Emanuel Schuster

Die Durchblutung in den Fingerspitzen, die ist jetzt gerade noch bei 15 Prozent gegenüber vom Daumen. Und inwieweit? Also ich habe mit vielen Freunden schon gesprochen, die auch entweder nur durchs Fliegen im Winter oder aus anderen Gründen leichte Erfrierungen hatten. Das Gefühl in den Fingerspitzen, das kommt eigentlich fast gar nicht mehr zurück. Und sie haben das Problem, wenn es nur irgendwo ein bisschen kühl ist, dann sind diese Finger durch die schlechte Durchblutung sofort eiskalt. Es wird für mich schwierig werden, im Winter oder so überhaupt noch zu fliegen und wenn, nur mit beheizten Handschuhen und sonstigen Hilfsmitteln.

27:23Lucian Haas

Welche Lehre habt ihr? Welche Lehren ziehst du denn für dich aus diesem Vorfall? Willst du die Fliegerei jetzt ganz an den Nagel hängen?

27:30Emanuel Schuster

Nein, die Fliegerei möchte ich sicher nicht an den Nagel hängen. Wie für die meisten Flieger ist das Fliegen doch eines der schönsten Dinge, finde ich, die man machen kann. Ich dachte, wenn die Wolke kommt, dann erkenne ich es, dass das eine Gewitterwolke sein wird und mir wird das nicht passieren. Ja, das glaube ich. Das kann leider eben jedem passieren. Vor allem, wenn es dann dort passiert, wo eigentlich noch gar keine Wolke ist, dass man auch dort eingesaugt werden kann. Ich glaube, dass auch das die Ursache war, weil an manchen labilen Tagen wird 80, 90 Prozent der Fläche abgeschattet und es kann eigentlich zu keinem starken Steigen mehr kommen, wenn keine Front durchgeht.

28:19Emanuel Schuster

Aber dort war es eben so, das riesengroße blaue Feld hat 100 Prozent Sonneneinscheinung ermöglicht. Und das Ganze wurde dann eben zu einer großen Wolke, so wie es im Sommer öfters der Fall ist. Es ist überall knallblau und irgendwo steht eine CB.

28:37Lucian Haas

Bei solchen Unfällen oder beinahe Unfällen, je nachdem, wie man das jetzt rechnet, die passieren, sagt man ja häufig, es ist immer eine Verkettung von vielen kleinen Details. Gibt es denn einen Punkt im Flug oder so, wo du heute im Rückblick sagen würdest, da habe ich den entscheidenden Fehler gemacht, da hätte ich anders reagieren sollen, dann wäre alles ganz anders gelaufen?

29:01Emanuel Schuster

Ja, was war es denn? Es waren natürlich, wie du schon sagst, mehrere Umstände. Zu einem die Euphorie, du hast einen neuen Gleitschirm in der Früh,

29:15Emanuel Schuster

meinen Sohn, der ist erst jetzt drei Wochen alt, kurz versorgen, dann in die Firma noch zwei Stunden, schnell alle Dinge erledigen. Ja, und dann zack auf den Berg und los geht es zum Fliegen. Also die Vorbereitung war sicher nicht optimal. Aber wie gesagt, ich wäre wahrscheinlich auch fliegen gegangen, wenn ich den Wetterbericht angeschaut hätte.

29:36Lucian Haas

Wenn du jetzt anderen Piloten aus deinen Erfahrungen einen Tipp geben wolltest, wenn es heißt, damit die nicht dasselbe Schicksal erfahren, was würdest du ihnen sagen, worauf sollten sie am meisten achten?

29:51Emanuel Schuster

Ja, also ich kann anderen Piloten nur empfehlen, daran zu denken, dass unser Gleitschirmsport eigentlich für die meisten Piloten ein Hobby ist. Und das Schönste darin ist, wenn man doch am nächsten Tag oder die Monate darauf auch wieder fliegen gehen kann. Und jeder hatte schon sicher kritische Momente, was das betrifft mit Wolken, Steigen oder irgendwo Regen in der Nähe. Einfach zu sagen, ich verzichte auf das vielleicht, noch 50 Kilometer weiter zu kommen und ich ziehe eine sichere Landung vor, damit ich eben morgen auch wieder fliegen gehen kann. Ja, das würde ich mir wünschen, wenn wir alle das ein bisschen mehr berücksichtigen.

30:37Lucian Haas

Nun warst du ja auch in der Wolke drin. Das passiert auch den unterschiedlichsten Piloten immer mal, dass sie in Wolken hineingesogen werden. Manche fliegen sogar manchmal bewusst in Wolken hinein, weil sie noch ein bisschen Höhe gewinnen wollen. Gibt es da eine wichtige Erkenntnis für dich aus deinem langen Wolkenflug jetzt, wo du sagst, das sollte man wissen, wie kann man sich da noch orientieren, beziehungsweise mit welchen Problemen muss man damit vielleicht rechnen, die man erstmal gar nicht auf dem Schirm hat?

31:01Emanuel Schuster

Es ist den meisten ja bekannt, nicht nur bei den Hobbyfliegern, sondern ich bin auch schon zum Spaß bei BWCs und so mitgeflogen. Also alle Piloten, keiner haltet einen Wolkenabstand ein. Wenn man Glück hat, sieht man noch eine Kontur im Schleier von den Wolken, also alle fliegen an den Kanten von den Wolken. Was bei starken Steigen in Wolken auftritt, das habe ich dort dann gemerkt, wie das Steigen stärker wurde. Es entstehen durch das Steigen elektromagnetische Spannungen in der Wolke und der Kompass fängt da durch an. Natürlich er zeigt zum stärksten Magnetfeld, das normalerweise der Nordpol ist, aber wenn ein Magnetfeld in der Wolke entsteht, ein elektromagnetisches, dann kannst du deinen Kompass vergessen, weil der spielt nur mehr verrückt in der Wolke her.

31:50Lucian Haas

Das heißt, die Idee, sich einen großen Kugelkompass aufs Cockpit zu packen, um noch in Wolken hinein zu fliegen, um irgendwo zu wissen, wo es hingeht, das kann auch wirklich nach hinten losgehen?

31:59Emanuel Schuster

Ja, das funktioniert. Wenn es eine sanfte Wolke ist mit 5 -7 Metern Steigen, da funktioniert das noch. Aber sobald die Wolke auch viele Wassermoleküle hat, also eine sehr feuchte Wolke ist, dann ist der Kompass ziemlich schnell nutzlos, weil alles abgeschirmt wird und durch das Steigen elektromagnetische Spannungen entstehen.

32:21Lucian Haas

Und das GPS, was ist damit? Hast

32:24Emanuel Schuster

du damit noch Empfang gehabt? Ich habe bewusst schon auch immer das Garmin dabei, weil das Garmin doch ein sehr starkes Gerät ist. Also ich habe einmal auf meinem Flieger -Tablet einen Zusatz -Akku dabei, aber trotz Zusatz -Akku war schon kurz, wie ich die ersten 1000 Meter in der Wolke drin war, war das GPS -Signal schon weg, weil Luftfeuchtigkeit schirmt Signale ab. Und ja, die Wolke war doch ordentlich feucht. Also das hat schon mal gar nicht mehr funktioniert, weil ein Tablet niemals so einen starken GPS -Empfänger drinnen hat, wie, ich sage einmal, originale Fluginstrumente oder eben das Garmin. Das Garmin hat meistens dann noch funktioniert, hatte aber auch schon Aussetzer, speziell wie es geregnet hatte, weil auch da das Signal verloren ginge.

33:18Emanuel Schuster

Ich habe mich dann nur mehr eigentlich am Schirm orientiert. Man merkt ja, ob man gegen den Wind fliegt. Oder ob es einen umdreht. Also ob man mit Rückenwind oder gegen den Wind fliegt, das erfüllt man auch am Schirm.

33:30Lucian Haas

Das heißt, da das Sinnvollste wäre für sich als Orientierung noch zu sagen, auch wenn es erstmal doof klingt, weil man natürlich dann schlecht nach vorne kommt, aber gegen den Wind fliegen, weil meistens der Wind wahrscheinlich in die Wolke hineinzieht und gegen den Wind kann man dann irgendwie vielleicht an den Rand der Wolke kommen.

33:46Emanuel Schuster

Ja, so habe ich es, sage einmal, wenn ich in eine Wolke reingekommen bin, jetzt immer praktiziert, weil es kraftsparender ist. Und das unten raus Spiralen, das finde ich eher unkontrolliert, vor allem, wenn mehrere Personen fliegen und alle in der gleichen Thermik steigen und du spiralst da runter. Also das Risiko, dass dir unten einer entgegenkommt, der sagt, ich nehme genau noch die letzten 50 Meter unter der Basis mit, das sehe ich auch als sehr risikoreich und darum fliege ich tendenziell lieber quasi raus aus der Wolke. Und eigentlich Richtung Flachland, das habe ich bis jetzt eigentlich am risikolosesten gesehen.

34:29Lucian Haas

Wie würdest du hier die Rolle von Zweileinern einschätzen, beziehungsweise die Rolle des Zweileiners, mit dem du da geflogen wirst? Zweileiner lassen sich zum Teil eben nicht so gut mit Abstiegsmanövern nach unten bringen. Würdest du sagen, Zweileiner bei solchen Wetterlagen zu fliegen ist dann doch sogar noch besonders gefährlich?

34:48Emanuel Schuster

Ja, also ich habe auch schon alle Gleitschirmklassen durchgeflogen. Und wie die meisten wissen, ein Dreileiner ist handlicher. Du kannst auch mal problemlos eine Halbseite runterklappen und damit schauen, dass du runterkommst. Ohren anlegen ist effektiver, leichter zu steuern. Also mit dem Zweileiner ist es auf jeden Fall viel schwieriger. Auch die Spirale, die Spirale hat so große G -Kräfte und das Sinken ist teilweise einfach viel zu wenig. Also ich glaube, eine Spirale dann länger als zwei Minuten, die dann über 10, 15 Meter sinken hat, hätte ich auf keinen Fall ausgehalten. Würdest du dann

35:28Lucian Haas

aus dieser Erfahrung heraus sagen, Zweileiner packe ich nicht mehr an, die sind mir dann doch zu gefährlich, auch wenn sie so toll zu fliegen sind?

35:36Emanuel Schuster

Nein, das nicht. Also sie fliegen ja wunderbar. Aber ich glaube, es wäre doch nett, wenn vielleicht die Hersteller sich da mal was einfallen lassen würden, dass man, ich weiß nicht, so eine Art, wie sie die Faltleine beim Testen verwenden, ob man nicht irgendwie was anbringen könnte, wo man zum Beispiel die Ohren einhängen kann am Tragegurt, so wie es viele Tandems haben, so irgendeine hilfreiche Abstiegshilfe bei den Geräten. Weil selbst das Ohrenanlegen, die Leinen sind so dünn, sie schneiden ein bei den Händen und in dem starken Steigen hat man einfach immer die Ohren aus den Händen gerissen.

36:15Lucian Haas

Häufig ist ja auch so, dass die Ohren bei den Zweileinern dann fürchterlich schlagen oder sowas. Wie war das denn bei dem Modell, mit dem du unterwegs warst?

36:22Emanuel Schuster

Ja, also der hatte auch durchgehende Stäbchen in den Ohren drinnen und diese Ohren, die bleiben natürlich nicht einfach, wenn man sie nach hinten runterklappt, einfach schön drinnen, so wie wir es gerne hätten, sondern die reißen einen immer wieder aus der Hand und es war natürlich irrsinnig schwer, so überhaupt eine Richtung zu halten. Und ob ich jetzt mit sieben Metern oder mit sechs Metern steige, war in dem Fall, glaube ich, auch nicht relevant. Dann hätte es vielleicht länger gedauert, bis ich da war. Bis ich oben bin. Aber es war überhaupt nicht hilfreich. Einen Klapper zu reißen, das habe ich mir auch nicht getraut, weil ich hatte schon Freunde, die haben beim Zweileiner selbst Klapper gerissen und das ging natürlich gleich mal mit negativen Trudeln aus und solchen Manövern. Und das in einer Wolke zu machen, nein, das habe ich nicht übers Herz gebracht.

37:12Lucian Haas

Das heißt, mit den heutigen Zweileinern ist man auf jeden Fall bei solchen Bedingungen mit einem größeren Risiko unterwegs. Oder ist es einfach, was das auch betrifft, in solche Wolken vielleicht eingesaugt zu werden?

37:23Emanuel Schuster

Ja, definitiv. Das wissen alle, die so etwas fliegen. Es sind auch die Spiralsturzschirme erst mit den Zweileinern rausgekommen, die ich meine ja auch schon zwei, drei Jahre. Immer wieder spirale ich mal damit, wenn ich runter will. Aber unter einer Gewitterwolke sieht das dann doch alles wieder anders aus. Der Spiralschirm, der zentriert dich dann eigentlich Richtung hin zum besten Steigen. Das Sinken ist nicht mehr so gut, wie man es gerne hätte. Ja, also er wird eigentlich zu einem Störfaktor. Und vielleicht, wenn man es bewusst trainiert bei Sicherheitstrainings, dass man das dann besser beherrscht. Aber das war nicht der Fall.

38:05Lucian Haas

Du hattest ja gesagt, dass du den Spiralschirm auch geworfen hattest und damit schon angefangen hast zu spiralen. Hattest du den danach wieder reingezogen oder bist du die ganze Zeit auch in der Wolke mit dem draußen hängenden Anti -G -Schirm da geflogen?

38:19Emanuel Schuster

Also der Anti -G -Schirm, der hatte in der Mitte so eine Kittleine. Die habe ich dann reingeholt und so um den Tragegurt herum gewickelt. Also der Anti -G war dann eigentlich die ganze Zeit draußen. Und vermutlich wird er auch richtig gut vereist sein. Aber an den habe ich dann eigentlich ab, geschätzt ab 3000 Meter, nicht mehr gedacht, dass ich den draußen hatte. Obwohl, wenn er wirkungslos gezogen ist, hat er eigentlich keine großen Störeinflüsse.

38:46Lucian Haas

Wechseln wir zum Ende hin nochmal ganz bis hier in die Perspektive. Und das Thema, du hast ja selber gesagt, du bist vor kurzem erst Vater geworden. Also auch kurz vor diesem Flug. Das ist ja eine große Verantwortung, die man da hat und sicherlich auch empfindet. Hast du dich da selbst in der Luft, als du merkst, scheiße, ich bin jetzt in einer richtig scheiß Situation? Und hast du dich da noch leiden mögen?

39:08Emanuel Schuster

Ja, also ich war die ganzen letzten Wochen schon eigentlich in einem Glückshoch. Mein Sohn, Geburt, alles super. Ein total nettes Kind, Familie. Alles bestens. Der neue Schirm. Und ja, es war dann so, irgendwann ab 4000 Meter dachte ich mir, was machst du eigentlich hier, du Idiot? Wieso gehst du nicht landen? Wieso fliegst du nicht einfach morgen? Wo das Wetter doch um einiges stabiler angesagt war. Ja, also ich habe mir schon Selbstverwürfe gemacht und dachte, was bringt der Flug, wenn du dann vielleicht abstürzt, eine Verletzung hast und Wochen oder Jahre lang nicht mehr fliegen gehen kannst. Und ja, deine Familie zu Hause im Stich lässt eigentlich.

39:54Emanuel Schuster

Und wie hat

39:55Lucian Haas

deine Frau und die junge Mutter dann auf diese ganze Geschichte reagiert? Hat die die Vorwürfe gemacht?

40:00Emanuel Schuster

Na, also meine Freundin war bis jetzt auch so, dass sie mir keine Vorwürfe gemacht hat. Sie war natürlich alles andere als begeistert, weil sie hätte die Unterstützung zu Hause definitiv gebrauchen können. Aber ich, ich selber, sehe mich natürlich, jetzt in der Verantwortung, also ich werde auch die nächsten zwei Wochen noch keinen Gleitschirm angreifen. Jetzt geht es einmal ab ans Meer, wieder Gutmachung leisten an der Familie. Und ja, dann werde ich wieder ein paar Reparatur - und Genussflüge machen, um wieder Vertrauen in das ganze Gleitschirmfliegen zu gewinnen. Und dann, ja, geht die Saison schon dem Ende zu.

40:39Lucian Haas

Dann kommt der Winter, dann musst du wahrscheinlich vielleicht wegen deinen Händen schon auf das Fliegen verzichten. Aber möge es dir dann gelingen, vielleicht im nächsten Jahr dann wirklich wieder schöne Flüge zu machen. Ich danke dir für diese tolle Beschreibung von dieser wirklich spannenden, abenteuerlichen, für dich auch lebensgefährlichen, aber letztendlich dann doch gut ausgehenden Geschichte. Ich denke, da können einige, die das hier zugehört haben, vielleicht auch was rausziehen, wo sie etwas lernen können. Danke dir für diese Beschreibung und alles Gute für die weiteren Flüge und viel Spaß mit deinem Sohn und deiner Freundin.

41:12Emanuel Schuster

Danke, Lucian Haas mich auch sehr gefreut. Mach's gut. Das

41:29Lucian Haas

war Emanuel Schuster im Gespräch mit Lucian Haas. Ein wichtiger Hinweis ist bei der Aufnahme nicht zur Sprache gekommen. Emanuel hat es mir aber später noch erzählt. Während des gesamten Fluges hatte er ein Live -Tracking laufen. So konnten seine Fliegerkumpel das Drama und seine Position ständig verfolgen und waren schon kurz nach seiner Bruchlandung auf dem Garagendach vor Ort. Wäre er irgendwo im Wald niedergegangen, hätten sie dann auch die Rettungskette mit genauen Positionsangaben in Gang setzen können. Mit anderen Worten, ein Live -Tracking wird in einem Notfall zu einem echten Sicherheitsfeature und ist auf XC -Flügen gerade deshalb empfehlenswert. Wenn dir nun solche Infos und der gesamte Podcast gefallen, dann darfst du Podz-Glidz bzw. den zugehörigen Gleitschirm-Blog Lu-Glidz auch gerne weiterempfehlen.

42:16Lucian Haas

Oder noch besser, werde zum Förderer von Lu-Glidz. Denn das gesamte Projekt ist unabhängig und verzichtet bewusst auf beeinflussende Querfinanzierung durch Werbung. Allerdings bin ich auf Zuwendungen der Leser und Hörer angewiesen. um diesen Umfang und Tiefe in der Berichterstattung bieten zu können. Fördern kannst du Lu-Glidz ganz simpel per PayPal oder Banküberweisung. Die nötigen Daten findest du auf der Website von Lu-Glidz. Die Fördersumme bestimmst du selbst. Nun sage ich mal, danke fürs Spenden, danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Ciao.

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