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129. Fliegen Freiheit Flow - Matthias Wehrle

// Matthias Wehrle, Lucian Haas · 2024-03-01 · 01:19:56 · original episode

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[show notes]
Matthias Wehrle ist innerhalb weniger Tage in Kolumbien sieben Mal ein 200er-FAI-Dreieck geflogen. Wird das nicht irgendwann langweilig? +++ Im Januar 2024 herrschten in Kolumbien ganz besondere Wetterbedingungen. Fast täglich wurden dort neue Rekorde geflogen, und die einst magische Grenze von 200 Kilometer für ein FAI-Dreieck rund um Roldanillo fiel gleich reihenweise. Kräftig mitgemischt bei dem Reigen hat Matthias Wehrle. Der 37-jährige aus dem Schwarzwald flog innerhalb von zwölf Tagen gleich sieben Mal über die 200-Kilometer- Marke. In dieser Folge 129 von Podz-Glidz spreche ich mit ihm allerdings nicht nur übers Streckenfliegen in Kolumbien. Matthias ist auch ein Meister darin, große geschlossene Aufgaben über dem Schwarzwald zu fliegen. Zudem ist er ein Familienmensch. Und so erzählt er unter anderem von Wendepunkten in unlandbaren Gebieten im Urwald, von den Parallelen des Fliegens in Kolumbien und im Schwarzwald, vom freundschaftlichen Battle mit anderen XC-Piloten, von Flugtagen, die wie Arbeitstage organisiert sind, vom Genuss des frühen Startens, der Herausforderung, für große Dreiecke den Schwarzwald verlassen zu müssen, und wie man Fluglust und große Streckenambitionen mit dem Familienleben unter einen Hut bekommt. +++ Wenn Du Podz-Glidz und den Blog Lu-Glidz fördern möchtest, so findest Du alle zugehörigen Infos unter: https://lu-glidz.blogspot.com/p/fordern.html +++ Musik: Cumbia No Frills Faster von Kevin MacLeod unterliegt der Lizenz CC "Namensnennung 4.0". https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ http://incompetech.com/music/royalty-free/index.html?isrc=USUAN1100275 Künstler: http://incompetech.com/ +++ Lu-Glidz Links: + Blog: https://lu-glidz.blogspot.com + Facebook: https://www.facebook.com/luglidz + Insta: https://www.instagram.com/luglidz/ + Whatsapp-Kanal: https://whatsapp.com/channel/0029VaBVs05CHDynzdlJlU34 + Youtube: https://youtube.com/@Lu-Glidz + Soundcloud: https://soundcloud.com/lu-glidz + Spotify: https://open.spotify.com/show/6ZNvk83xxGHHtfgFjiAHyJ + Apple-Podcast: https://itunes.apple.com/de/podcast/podz-glidz-der-lu-glidz-podcast/id1447518310?mt=2 + Linktree: https://linktr.ee/luglidz

[transcript]

0:05Matthias Wehrle

Also wenn der da jetzt nichts mehr kriegt, der muss irgendwo in einem Flussbett vielleicht landen oder in einer Kaffeeplantage irgendwo steil am Hang, weil im Tal unten, da gibt es vielleicht einen Fluss oder nur Wald und Bäume, Stromleitungen gibt es viele in Kolumbien, also so ganz so Risiko gehe ich dann nicht ein, also ich muss schon irgendwo eine einigermaßen sichere Landewiese noch zumindest mit einem Auge, erreichbar wissen und dann kann man auch mal ein bisschen was versuchen.

0:55Lucian Haas

Podz-Glidz, der Lu-Glidz -Podcast. Geschichten aus dem Kosmos des Gleitschirmfliegens. Heute mit Matthias Wierle. Und ich bin Lucian Haas.

1:11Lucian Haas

Im Januar 2024 herrschten in Kolumbien ganz besondere Wetterbedingungen. Fast täglich wurden dort neue Rekorde geflogen und die einst magische Grenze von 200 Kilometern für ein FAI -Dreieck rund um Roldanau in Sanio fiel gleich reihenweise. Kräftig mitgemischt hat bei dem Reigen Matthias Wierle. Der 37 -Jährige aus dem Schwarzwald flog innerhalb von zwölf Tagen gleich siebenmal über die 200 -Kilometer -Marke. In dieser Folge 129 von Podz-Glidz spreche ich mit ihm allerdings nicht nur übers Streckenfliegen in Kolumbien. Matthias ist auch ein Meister darin, große geschlossene Aufgaben über dem Schwarzwald zu fliegen. Zudem ist er ein Familienmensch.

1:56Lucian Haas

Und so erzählt er unter anderem von Wendepunkten in unlandbaren Gebieten im Urwald, von den Parallelen des Fliegens in Kolumbien und im Schwarzwald, vom freundschaftlichen Battle mit anderen XC -Piloten, von Flugtagen, die wie Arbeitstage organisiert sind, vom Genuss des frühen Startens, der Herausforderung für große Dreiecke den Schwarzwald verlassen zu müssen und wie man Fluglust und große Streckenambitionen mit dem Familienleben unter einen Hut bringt. Wenn

2:29Lucian Haas

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2:49Lucian Haas

Matthias, was hast du am 31. Januar dieses Jahres 2024 gemacht?

2:57Matthias Wehrle

Was für eine gemeine Frage.

3:00Lucian Haas

Ich gebe den Tipp, du warst in Kolumbien.

3:02Matthias Wehrle

Ja, die Vermutung hatte ich jetzt auch. Und

3:06Lucian Haas

es war der einzige Tag, glaube ich, an dem du keinen Flug gemacht hast. Zumindest wenn man im XContest guckt, da gibt es ganz viele Flüge von dir und alle Tage davor und danach. Aber der 31. Januar ist flugfrei. Warum? Ja,

3:19Matthias Wehrle

dann muss es wohl so gewesen sein, dass der eine Tag ein Ruhetag bei mir war. Also

3:25Lucian Haas

du hättest auch fliegen können, aber du hast wirklich bewusst einen Ruhetag gemacht.

3:30Matthias Wehrle

Ja, ich bin ja ungefähr zehn Tage vorher angekommen. Und man muss dazu sagen, ich war so ein bisschen ausgehungert, was das Fliegen angeht. Ich war vier, fast fünf Monate nicht mehr fliegen. Und dann war ich zehn Tage am Stück fliegen und brauchte nach zehn Tagen dann tatsächlich mal einen Ruhetag.

3:55Lucian Haas

Was macht ein Matthias Werle, wenn er einen Ruhetag braucht? An einem Ruhetag? In der Hängematte hängen? Ja, so

4:04Matthias Wehrle

ungefähr zu aller Ernst. Erst versuche ich dann auch mal am Abend vorher auch mit Fliegerkollegen der Abend ein bisschen länger zu gestalten, weil an Flugtagen wird es manchmal ein bisschen schwierig. Und dann versuche ich tatsächlich auszuschlafen, was in Kolumbien aber tatsächlich etwas schwierig wird, weil so mit isolierter Wände, mit isolierter Fenster ist da relativ wenig. Das heißt, man kriegt vom Verkehrsleben oder vom Leben allgemein in Kolumbien, auch im Schlafzimmer sehr viel mit. Aber ich mache dann tatsächlich mal so einen richtigen Hängematte -Tag. Ich war zwar morgens relativ früh noch frühstücken, habe dann gesehen, dass es vom Wetter her vielleicht nicht ganz so gut wird.

4:51Matthias Wehrle

Ich dachte so, also heute passt es mal. Ich bin jetzt doch ein bisschen kaputt. Und ja, dann telefoniere ich auch mal lang mit Frau und Familie. Da habe ich endlich mal Zeit auch dafür. Und schaue mir dann mal auch gern auf Netto. Da fliegst du einen Film an und mache auf jeden Fall noch einen Mittagsschlaf. Und am Nachmittag schaue ich mir dann ein bisschen das Stadtlebe in Roldanillo an, ein paar Souvenirs einkaufe für die Frauen und Mädels, Ohrringe aus dieser Perle, die da so schön in Kolumbien gern handgemacht sind. Ja, und einfach versuche, ein bisschen

5:28Lucian Haas

runterzukommen. Aber die anderen Tage, die du da warst, da war nur Fliegen angesagt.

5:35Matthias Wehrle

Ja, da hatte ich mir tatsächlich selbst... Ich habe mir selber so ein straffes Programm auferlegt. Also man muss dazu sagen, ich bin ja jetzt... Es war schon das vierte Mal, dass ich dort war. Und es ist jedes Jahr ein bisschen anders. Und dieses Jahr war es zumindest so, dass es angekündigt war, dass es ein El Niño -Jahr wird. Das heißt tendenziell sehr trocken und eigentlich auch gute Verhältnisse, um Strecke zu fliegen. Dementsprechend war ich auch ein bisschen motiviert und habe gehofft, dass wir diese berühmte 200er... 200 Kilometer in Roldanillo vielleicht dieses Jahr mal schaffen kann. Also ich bin jetzt nicht überambitioniert. Ich habe einfach so einen gewissen Plan. Aber die Tage, an denen ich fliege, die haben schon eine sehr starke Struktur.

6:20Matthias Wehrle

Also da habe ich einen Plan, bin auch sehr fokussiert. Versuche auch, mich so ein bisschen rauszunehmen aus dem Trubel und in den Momenten, wo es geht, so ein bisschen Ruhe auch zu genießen.

6:32Lucian Haas

Du hast Struktur, sagst du. Was... Also braucht so eine Struktur, um 200er... 200er fliegen zu können?

6:41Matthias Wehrle

Also grundsätzlich braucht es irgendwo auch die Ambition, auch gewissen Ehrgeiz. Ich würde jetzt mal sagen, dass die 200 Kilometer an diesen Tagen nicht so schwierig war, weil die Verhältnisse einfach sehr gut waren. Man braucht einfach auch genügend Ausdauer. Zum einen weiß ich natürlich vorher schon, wo die Wendepunkte sind. Für das 200er mussten wir die dieses Jahr ein bisschen erweitern. Also zu den Jahren davor, wo ich immer flog. Und dann kommt mein neues Gebiet, lernt auch Neues dazu. Aber sonst war mir zum Beispiel sehr wichtig, dass ich direkt nach der Landung immer gleich was essen gegangen bin und auch früh wieder ins Bett.

7:26Matthias Wehrle

Weil Schlaf ist für mich unglaublich wichtig, weil so ein Flugtag ist für mich jetzt körperlich zum Beispiel nicht ganz so anstrengend. Ich mache wahnsinnig viel Sport und von dem her ist das für mich keine so Schwierigkeit. Aber vom Kopf her ist es doch irgendwo auch anstrengend. Jetzt vielleicht nicht so, was Schirmbeherrschung angeht oder Liniewahl, sondern einfach so diese unglaublich viele Eindrücke, die man hat. Also ich bin jemand, der auch viel in der Natur dann einfach aufnimmt. Ich freue mich zum Beispiel, wenn ich irgendwo über dem Urwald fliege und sehe ein paar Papageien fliegen. Also ich nehme das auch während dem Streckefliegen wahr. Diese Sache zu verarbeiten, das ist für mich tatsächlich dann schwieriger. Und da schlafe ich dann auch manchmal schlecht oder oft.

8:12Matthias Wehrle

Also gerade nach guten Streckeflügen ist es für mich schwierig, manchmal so runterzukommen, weil im Kopf findet noch so ein kleines Gewitter statt.

8:21Lucian Haas

Du hast in Kolumbien an elf Tagen in elf Flügen fast 2000 Streckenkilometer gesammelt. Darunter sind sieben FAI -Dreiecke mit mehr als 200 Kilometern. Und ich glaube, du hast mal an vier Tagen hintereinander jeweils ein FAI -Dreieck von 200 Kilometern gefunden. Ist das für dich der Reiz des Fliegens, einfach die großen Strecken abzureißen? Masse

8:50Matthias Wehrle

statt Klasse.

8:53Matthias Wehrle

Also wenn ich so in der Retrospektive sehe, dann sieht es schon ein bisschen verrückt aus, so viele Kilometer in so kurzer Zeit. Ich kenne auch wenige Gleitschirmflieger, die das so komprimiert tun tatsächlich. Aber für mich war es einfach so ein Ausdruck von, ich war unglaublich hungrig. Aufs Fliege und die Art des Fliegens dort unten gefällt mir einfach sehr, sehr gut. Was

9:20Lucian Haas

ist die Art des Fliegens da unten?

9:25Lucian Haas

Es

9:26Matthias Wehrle

hat so eine gewisse Ähnlichkeit zum Fliege. Zum Beispiel jetzt im Schwarzwald ist so eine Mischung zwischen Hügel und Berge und aber auch Art Flachland. Und wie so die Thermikstrahlung. Die Struktur, wie das so funktioniert, ist da unten sehr unglaublich so haptisch für mich irgendwie. Also ich kann es gut erkennen, habe ich das Gefühl, also wie die Wolke auch entsteht. Und das ist für mich so eine Art Wolkeabreite. Das fällt mir sehr einfach. Das ist so ein natürliches Gefühl, wo ich da einfach entspannt an diese Wolke entlang racen kann. Und immer so zwischendurch an kleine Hügel wieder mal aufdrehe, aufsorge.

10:14Matthias Wehrle

Ja, das kenne ich von hier und das liegt mir einfach sehr gut. Deswegen war das jetzt nicht wirklich anstrengend, sondern einfach jeden Tag Spaß haben. Ansonsten würde ich auch nicht jeden Tag 200 fliegen, weil ich kenne einige, die sagen dann vor allem im Zweiliner muss ich dann einfach mal nach acht, neun Stunden am Tag, brauche ich mal einen Tag Pause, um wieder mich geistig einfach ein bisschen zu erholen. Aber ich muss schon auch dazu sagen, so irgendwie nach dem vierten Tag. 200 dann am nächsten Morgen am Schirm zu hängen und dann ist ja morgens ganz, ganz ruhige Thermik. Dann dreht man einmal auf, macht so eine ein bisschen größere Querung. Hat man so kurz Zeit, um sich ein wenig zurückzulehnen und denkt so, was macht man denn jetzt schon wieder hier?

11:01Matthias Wehrle

Aber das ergibt sich dann so mit der Zeit einfach. Wenn man dann zwei, drei, vier Stunden fliegt, dann kommt man in den Groove und hat wieder richtig Spaß. Man sieht wieder irgendwelche Details, die man vielleicht am Tag vorher nicht gesehen hat. Und ja, dann was soll man auch in Kolumbien sonst anderes machen? Also es gibt ja so viele Möglichkeiten. Gibt es nicht. Es gibt tolles Flugwetter. Dann muss man halt fliegen.

11:25Lucian Haas

Bei deinen Dreiecken. Ich habe die mir mal alle angeguckt und im Grunde bist du siebenmal über 200 geflogen, aber siebenmal relativ ähnliche Strecken. Also immer die Wendepunktwahl war doch immer ziemlich ähnlich und sowas. Ist das nicht irgendwann langweilig? Sagt man dann nicht, ich probiere heute mal was ganz anderes. Anstatt zu sagen, heute Wetter sieht gut aus, ich werde wahrscheinlich heute, also wenn ich mich nicht doof anstelle, kann ich heute wieder die 200 schaffen, dann reite ich sie halt einfach ab. Also ist das nicht langweilig?

11:57Matthias Wehrle

Ja, ja, also dieselbe Frage stelle ich mir natürlich auch. Also für mich gibt es trotzdem gewisse Reize. Dadurch, dass es gibt zum Beispiel ein bestimmtes Windsystem oder so ein System jetzt nicht direkt, aber es hat tendenziell morgens zum Beispiel eher Wind aus Süden. Das heißt, es macht absolut Sinn, dass man erstmal Richtung Norden fliegt. Und ich bin generell jemand, der extrem früh startet. Also ich war oft jemand, der als erster gestartet ist und dann losflog. Und da muss man wissen, also an dem Startplatz, da startet er an einem Tag, wenn man so in XContest mal reinschaut, gut und gerne mal 200, 300 oder auch 400 Leute.

12:44Matthias Wehrle

Und ich genieße es total dann die ersten. Ja, also normalerweise fliegt man zwei Stunden bis zum ersten Wendepunkt. Und da fliege ich wirklich oft dann ganz allein oder vielleicht mal mit ein, zwei, drei Leute. Oftmals dann auch vielleicht noch mit einem leistungsfähigeren Schirm, mit Submarine noch dazu. Und ich habe da wahnsinnig viel Spaß dann an der unterschiedlichen Linienwahl, wie man dann trotzdem irgendwie Paroli bieten kann. Und das ist also nichts, also jetzt nichts ernsthaft wettkampfmäßig, sondern einfach so. Was funktioniert besser, so auf eine spielerische Art? Ja, dann setzt man den ersten Wendepunkt und dann hört die Einsamkeit so ein bisschen auf. Dann fliegt man wieder der anderen Piloten entgegen, die dann auch die Wendepunkte irgendwo ähnlich setzen.

13:32Matthias Wehrle

Und dann gibt es so ein bisschen Race -Feeling. Und da kommt es jetzt nicht auf die gleiche Strecke an, die man dann tagtäglich fliegt, sondern also die Linienwahl, die ist dann oft auch, ergibt sich jeden Tag ein bisschen anders.

13:48Matthias Wehrle

Jeden Tag fliegt man mit anderen Piloten und man lernt auch gegenseitig von sich. Dieses Jahr war zum Beispiel für mich wahnsinnig interessant, diesen Wendepunkt im Süden so weit wie möglich südlich zu setzen. Weil das Gebiet da unten hat wirklich kaum Landeplätze. Also es gibt so Notlandeplätze steil am Hang, aber sonst wirklich an den Bergen hoch, da gibt es wirklich nur Urwald. Also richtiger unberührter Urwald. Also richtig unberührter Urwald. Da bin ich auch schon sehr dicht drüber geflogen und wenn man so reinschaut, sieht man da auch gar nicht auf dem Boden. Also das ist wirklich alles komplett bewachsen. Da Notlande müssen, stelle ich mir sehr abenteuerlich vor. Ich schätze mal, die Ausrüstung wird verloren sein, wenn es so wäre.

14:35Matthias Wehrle

Man kann froh sein, wenn man an einem Stück da wieder rauskommt. Aber in der Gruppe diese Wendepunkte zu erschließen, klingt jetzt vielleicht ein bisschen doof, wenn man jetzt ganz rational darüber nachdenkt. Ich meine, nur weil jemand anderes... Wenn

14:49Lucian Haas

jemand anderes

14:49Matthias Wehrle

vorausfliegt, wird die ganze Sache nicht sicherer. Aber es ist halt so ein typischer Lemminge -Effekt. Da fliegt einer voraus, dann fliege ich jetzt da mal hinterher. Es wird schon funktionieren. Und nach ein, zwei Mal hat man dann Vertrauen gefunden. Das wird total spannend mit so unlandbare Gelände, so ein bisschen zu spielen. Also ich bin jetzt niemand, der unnötig gerne irgendwie Risiko eingeht. Aber ja, das macht dann schon einen

15:16Lucian Haas

Reiz aus. Was heißt? Was heißt spielen für dich da? Wenn du sagst, mit unlandbarem Gelände spielen. Ich meine, du, das Gelände spielt ja nicht mit dir. Also eigentlich spielst du mit dir selbst, ja? Also mit deinem eigenen Risiko so ungefähr. Ja, ja, ja, klar.

15:34Matthias Wehrle

Also man versucht, also wenn man es zum ersten Mal versucht, über so Urwald zu fliegen, dann wird man erst mal wirklich Basis machen. Also wirklich bis hoch an die Wolke. Es versucht man jedes Mal natürlich, klar. Aber wie es beim Fliegen so ist, so oft halt leider ist, schafft man das auch nicht immer. Und dann versucht man, die Grenze irgendwie immer so weit wie möglich auszudehnen. Ich zähle mich jetzt da aber trotzdem zu jemandem, der schon eher auf Nummer sicher geht. Also da kenne ich zum Beispiel das Cedar Ride, ein US -Amerikaner, auch ein bekannter Kletterer. Der hat ein ganz anderes Risikobewusstsein wie ich. Also den habe ich, da fliegt ein Enzo 3 mit Submarine, der hat nochmal ein bisschen mehr Leistung. Der kommt vielleicht aus dem ein oder anderen Urwaldloch, wird ein bisschen eher raus wie ich.

16:25Matthias Wehrle

Aber nichtsdestotrotz, der flog teilweise, das habe ich dann von weit oben mit 300 -400 Höhenmeter von oben gesehen, fliegt der in Sachen rein, wo es mir halt die Haare stellt. Wo ich denke, boah, also wenn der da jetzt nichts mehr kriegt, der muss irgendwo in einem Flussbett vielleicht landen oder in einer Kaffeeplantage irgendwo steil am Hang. Weil unten, im Tal unten. Da gibt es vielleicht einen Fluss oder nur Wald und Bäume. Stromleitungen gibt es viele in Kolumbien. Also so ganz so Risiko gehe ich dann nicht ein. Also ich muss schon irgendwo eine einigermaßen sichere Landewiese noch zumindest mit einem Auge erreichbar wissen.

17:10Matthias Wehrle

Und dann kann man auch mal ein bisschen was versuchen.

17:14Lucian Haas

Du hast gerade gesagt, dass ihr euch so gemeinsam quasi das so erschlossen habt. In diesem Jahr ist ja aufgefallen, es gab so einen richtigen 200er -Rush in Kolumbien, wo ganz viele, die 200er geflogen sind, sind glaube ich über 20 200er. Und der eigentliche Roldanio -Rekord ist quasi täglich irgendwie neu gefallen und ein anderer hat den wieder aufgestellt und sowas. Ist da auch so ein bisschen Battle dabei?

17:42Matthias Wehrle

Ja, definitiv. Das ist so ein richtiges Männerspiel. Also typisch, wer fliegt weiter, ja klar.

17:50Matthias Wehrle

Also ich finde es ganz spannend, wenn man das auf einem lockeren Niveau sich auch so ein bisschen anstachelt. Aber ich muss sagen, dass das Verhältnis untereinander, wenn man sich dann mal kennt und weiß, wer wie so ein bisschen tickt, dann ist das so ein spielerischer Wettkampf. Also ich kenne auch welche, die sind sehr verbissen, aber bei denen weiß ich dann oft auch, ja, die sind manchmal dann gar nicht so gut. Weil sie es eben zu verkrampft sehen. Und ich habe ganz viele kennengelernt, die sehr aufgeschlossen sind. Man hilft sich untereinander. Man hilft sich ja auch automatisch, wenn man unterwegs ist und einer trifft einen Bart. Ja, dann dreht man auch noch mal rum, bevor man jetzt vielleicht irgendwo reinfliegt,

18:36Matthias Wehrle

wo erst mal keine Thermik zu erwarten sein könnte. Dann dreht man noch mal rum, dreht zusammen auf.

18:43Matthias Wehrle

Und so ergibt sich schon auch eher eine Gemeinschaft als eine Konkurrenz.

18:49Lucian Haas

Ist das denn auch so? So, dass ihr dann quasi nach der Landung euch irgendwo noch mal trefft oder vielleicht denselben Landeplatz habt und dann so eine Art Debriefing macht und da noch mal Strategien bespricht oder dann auch, ich habe dich gesehen, du bist da reingeflogen und wie war das und sonstiges. Also dieses Klassische, wenn man mit den üblichen Buddies fliegen geht, die man von zu Hause kennt, dann passiert sowas ständig. Aber ist das, wenn du sagst, so international, da ist ein Cedar Wright und dann ist irgendwie ein Schweizer dabei und vielleicht ein Kolumbianer und sonst irgendwie was, findet da so ein internationaler Austausch? Ja,

19:22Matthias Wehrle

ja, klar. Das ist, wie man es halt so kennt. Also ich bin an dem Tag, als Cedar zum Beispiel diesen Rekord flog, bin ich mit ihm zur selben Zeit am selben Landeplatz gelandet und er war natürlich in seinem amerikanischen Stil absolut überschwänglich und hat es gefeiert. Und das steckt auch sehr an und ich finde es auch total schön. Ich versuche aber, ich habe mal im Spaß zu meinen, also waren wir noch mit ein paar Kumpels, also zufällig mit Kumpels hier aus der Gegend. Ich habe dann aber mal an einem Abend gesagt, es war vielleicht so ein bisschen im Spaß verstanden, aber so ein gewisser Ernst hat es doch. Ich habe mal gesagt, also heute Abend hätte ich gern, dass wir uns über alles unterhalten, nur nicht übers Fliegen.

20:06Matthias Wehrle

Weil, also nicht falsch verstehen, es ist so, auch nachbesprechen, das ist auch ganz wichtig, was man so verbessern kann. Aber wenn, also für mich wird, mir wird es dann manchmal zu viel, wenn es also wirklich nur noch ums Fliegen geht, von morgens bis abends. Und ich freue mich dann auch mal, wenn man sich über andere Sachen noch unterhält. Und es gibt so viele Möglichkeiten, weil Kolumbien bietet so viel Skurrilität an Autos, an Begebenheiten, an wie Sachen da gehandhabt werden, wo man sich auch ganz toll darüber unterhalten kann. Aber die Strategie, die Wendepunkte, wie man sie setzt, die sind eigentlich relativ klar. Und da hat jeder so sein eigenes Mittel oder eine Strategie.

20:52Matthias Wehrle

Wie er das Dreieck noch größer setzen kann. Aber um es jetzt wesentlich größer zu setzen, wie es jetzt aktuell, ich glaube, Kevin Philipp mit 237 knapp Kilometer. Also das wird jetzt schon recht schwierig, das wirklich noch sehr viel größer zu gestalten, weil man begibt sich dann tatsächlich in ein Gebiet, wo es sein kann, man kommt vielleicht nicht mehr zurück oder es dauert einen Tag, bis man zurückkommt, weil man sich an der falschen Stelle befindet.

21:27Lucian Haas

Erzähl mal so ein bisschen, wie ist so ein Tag, an dem du einem 200er fliegst in Kolumbien? Musst du da, also stehst du morgens um sieben auf, fährst um acht Uhr schon zum Startplatz hoch und startest um neun? Oder wie sieht das dort aus? Und wie lang fliegt man dann und was macht man? Wann bist du so ungefähr gelandet, so typische Landezeit? Und wie geht es dann weiter?

21:49Matthias Wehrle

Also typischerweise stehe ich um kurz nach sechs auf. Die Kolumbianer sind ja bekannt dafür. Als eines der am frühesten aufstehenden Südamerikaner. Das heißt, um sechs ist dann wirklich schon Toa Wabohu. Die Motorräder fahren draußen arg viel länger, kann man dann eh nicht mehr schlafen. Die

22:07Lucian Haas

Sonne ist eh schon aufgegangen, weil das ist ja tropisch. Und im Grunde geht es immer morgens um sechs die Sonne auf und um sechs Uhr abends wieder Untersonne ungefähr, oder?

22:15Matthias Wehrle

Genau. Also der Tag hat sehr, sehr klare Struktur. Das geht dann relativ schnell und dann ist das Leben erwacht. Dann gehe ich, dann richte ich mich kurz. Klar, morgens frisch mache. Zähneputzen. Und dann habe ich immer so noch die Zeit genutzt bis zum Frühstück, um kurz mit Familie und meinen zwei Töchtern zu telefonieren. Das war so die einzige Zeit, die halt durch die Zeitverschiebung auch gut funktioniert hat. Also morgens um sieben. Da war dann hier in Mitteleuropa 13 Uhr, da kommen die Kinder von der Schule und dann habe ich sie einmal kurz der Papa gesehen zumindest. Dann habe ich Frühstück bestellt. Ich bin immer in der Nähe von der Plaza in Roldanillo. Wo ich dann esse so typisches kolumbianisches Frühstück mit Reis, Fleisch, Tomate und

23:02Matthias Wehrle

diese Koch -Banane.

23:07Matthias Wehrle

Und je nachdem, wie lange das Frühstück gedauert hat, also braucht man ein wenig Glück in Kolumbien, dass es auch wirklich beizeite kommt. Dann habe ich versucht um halb acht auf ein Taxi oder so ein Shuttle hochzukommen, damit ich um acht am Stadtplatz oben bin. Und dann... Zu der besten Zeit um 20 nach 8 oder halb 9 zu starten. Dann 8, 8,5 Stunden fliegen. Nach der Landung, je nachdem, versucht man dann, also ich habe mir es dann angewöhnt, dass ich direkt nach der Landung essen gehe, irgendwo in Roldanio. Und nach dem Essen, damit es schwere, die großen Steaks, die es da ja gibt,

23:51Matthias Wehrle

dass die möglichst früh in den Kessel kommen, dass man noch gut schlafen kann, eben das Essen vorziehen, noch ein bisschen mit Freunden kurz quatschen und dann tatsächlich, ich habe immer versucht, um 9 spätestens im Bett zu sein. Und dann geht es wieder von vorne los. Das klingt ja wie so ein

24:11Lucian Haas

richtiger Arbeitstag

24:12Matthias Wehrle

eigentlich. Ja, das war es. Also gefühlt war es tatsächlich so irgendwie, nur mit dem großen Unterschied, weil also beim Arbeiten gibt es es auch oft, dass es mir sehr viel Spaß macht, aber beim Fliegen ja noch mal umso mehr. Aber es ist natürlich schon auch irgendwo auch anstrengend, schon auch. Aber man macht es ja gern. Also ich gehe ja gern fliegen, ich habe Spaß am Fliegen. Und deswegen fiel mir das relativ leicht.

24:42Lucian Haas

Was gibt dir diese XC -Fliegerei? Also dass du deine Tage so ausrichtest, dass du sagst, ich fliege nach Kolumbien, aber im Grunde mache ich dort nichts anderes als fliegen.

24:53Matthias Wehrle

Ja, das ist, also ich, ich handhabe vieles in meinem Leben so, dass ich, wenn ich was mache, dann mache ich es richtig. Also ich bin jetzt nicht so jemand, der 50 verschiedene Sachen macht und alles so ein bisschen,

25:09Matthias Wehrle

sondern so ein Urlaub jetzt wie zum Beispiel Kolumbien, den versuche ich dann tatsächlich, da gehe ich ja hin zum Gleitschirmfliegen und dann versuche ich tatsächlich, so viel es geht, Gleitschirm zu fliegen. Andererseits, wenn jetzt zum Beispiel, wenn ich jetzt hier bin und im Schwarzwald fliege könnte, früher zu meiner Anfänge, da bin ich immer fliegen gegangen, egal bei welchem Wetter. Und mittlerweile gehe ich nur noch fliegen, wenn ich weiß, das ist schon wirklich, also im Verhältnis zur Jahreszeit und im Verhältnis zu den sonstigen Tagen ist wirklich ein sehr guter Tag. Dann konzentriere ich mich darauf, dass ich versuche, an dem Tag nur fliegen zu gehen. Und an Tagen, die nur so halb gut aussehen, da mache ich dann konsequent einen Familietag.

25:54Matthias Wehrle

Ja, unter dem Gesichtspunkt bin ich Kolumbierer, angegangen und habe gesagt, okay, wenn ich da bin, dann gehe ich fliegen.

26:02Lucian Haas

Was zählt für dich bei solchen Flügen?

26:06Matthias Wehrle

Die Zeit in der Luft, frei zu sein, zu spielen, ein bisschen Race, die Schönheit der Natur, auch gern Fotos. Ich versuche immer, viele Fotos zu machen, auch mal Videos zu machen, auch sportliche Ehrgeiz irgendwo zu versuchen. Ich kann den Wendepunkt diesmal hier oder da setzen und ich bin diesmal so und so schnell geflogen, das ist schon auch mit alles ein Reiz. Aber ich habe einfach nach wie vor einfach Bock am Fliegen. Und das ist etwas, was für mich ganz wichtig ist. Also ob ich jetzt den einen Tag 180 fliege oder dann vielleicht mal 216.

26:51Matthias Wehrle

Klar, natürlich versucht man es schon, irgendwie die Dreiecke größer zu gestalten. Aber für mich war immer so die große Belohnung, wenn man abends noch mal auf 3000 aufdrehen konnte oder also am Nachmittag, am späten Nachmittag, dann so der letzte finale Abgleiter noch mal zurückkommt und dann weiß, okay, jetzt kann man irgendwo sicher und schön auf dem Feldweg landen oder auf dem Feld auf einer grünen Wiese. Und man hat sich halt die Stunde vorher in Terrain bewegt, wo halt, da wollte man niemals landen. Also selbst wenn man jetzt da landen hätte müssen, irgendwie das Zurückkommen, das wäre sehr beschwerlich worden. Und dann so dieser finale Abgleiter zu wissen, so jetzt kann nichts mehr schiefgehen, das fühlt sich richtig gut an.

27:40Matthias Wehrle

Das ist dann immer so Belohnung. Das muss ich auch manchmal zwischendurch im Flug auch aufrufen, zu sagen, okay, das wird richtig gut. Und dann heute späten Nachmittag noch mal aufdrehen und dann nur noch genießen.

27:55Lucian Haas

Wenn man sich so deine 200er da in Kolumbien anguckt, das waren 203, 203. 200, 208, 216, 204 und 202 Kilometer. Also alles immer so im ganz engen Range eigentlich. Wie schafft man es, jetzt im Positiven gesehen, wie schafft man es, so konstant zu fliegen?

28:16Matthias Wehrle

Oh, das ist

28:17Lucian Haas

ganz viel. Weil die Tage waren ja wahrscheinlich nicht immer die gleichen. Aber trotzdem, wie schafft man es, so konstant zu fliegen?

28:25Matthias Wehrle

Ja, tatsächlich so. Also die Tage waren teilweise sehr ähnlich. Aber, ähm, im Laufe der Zeit hat es sich auch verändert. Die Labilität wurde zum Beispiel höher. Aber grundsätzlich ist es reines Kopfspiel. Also wirklich sich zu sagen, es gibt ja Tage, da bin ich zum Beispiel mal 30 Kilometer einfach nur geradeaus geflogen, ohne einen Kreis. Also da habe ich so super Linien getroffen, habe im richtigen Moment Gas gegeben und im richtigen Moment einfach mal ein bisschen Rollen gelassen sozusagen auf die Bremse und steige. Da lief das super. Dann macht man den ersten Wendepunkt mit einem 30er, 32er Schnitt. So, und der nächste Tag, da hat man einen 23er Schnitt.

29:14Matthias Wehrle

Und denkt so, ja, das kann ja heute niemals irgendwie 200 werden. Wie soll das funktionieren?

29:22Matthias Wehrle

Und die Tage, die gleichen sich aber irgendwo immer aus. Also man fliegt dann wieder dafür an anderer Stelle schneller wie vorher. Man kann den Wendepunkt, vielleicht einfacher setzen, schafft es über das Flachland vielleicht mal schneller wie vorher. Hat hier und da vielleicht mal einen anderen Pilot, der einem hilft. Und dann funktioniert diese eine Schwierigkeit doch wesentlich schneller wie vorher. Und aber das Mental, sich immer auch wieder zu sagen und sich nicht verrückt zu machen, das ist tatsächlich für mich was Schwieriges, wo ich mir selber immer sagen muss, es kann halt nicht jeden Tag optimal funktionieren. Es gibt immer die Tage, wo, wo vielleicht so ein bisschen, ja, ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht. Es kann halt zu Anfang mal nicht ganz so schnell ablaufen und es wird noch gut.

30:07Matthias Wehrle

Und andererseits gibt es natürlich auch Tage, die anfangs super laufen und zum Schluss kommt eine Baustelle. Ja, und ich sage mir dann halt, ich bin ja hier zum Fliegen. Ich könnte jetzt auch in Deutschland sein. Da kann ich gar nicht fliegen. Und ich genieße einfach jetzt den Tag so gut es geht. Und ich habe schöne Wolken am Himmel. Jetzt gucken wir einfach, dass wir zu der nächsten schöne Wolke wieder aufdrehen können. Und dann geht es weiter. Es ist eine sehr, sehr, sehr mentale Kopfsache.

30:38Lucian Haas

Du bist ja auch bekannt, vor allem als, ich sage mal, Schwarzwald -Spezialist. Hast sehr große Dreiecke und One -Way -Strecken da geflogen. Ich glaube sogar, du hältst Schwarzwald -Rekord in beiden. Wie weit bist du da jeweils gekommen?

30:53Matthias Wehrle

Ne, die wurde letztes Jahr bzw. also das Dreieck, das große Dreieck wurde am gleichen Tag noch vom Samuel Blocher, sogar noch ein paar Kilometer erweitert. Die Monate davor habe ich es kontinuierlich erweitert von 220 und dann immer ein Stück weiter. Und One -Way bin ich sogar weniger geflogen als im Dreieck, 235. Und das wurde letztes Jahr auch mittlerweile gebrochen. Also ich glaube, 270 Kilometer vom Max -Habel, von meinem Tafelbühl. Das muss ich mal irgendwann noch korrigieren. Also Grüße an Max. Ich hoffe, das hält nicht mehr lange.

31:34Lucian Haas

Da kommt der Ärger. Ja,

31:36Matthias Wehrle

genau. Aber das ist sehr freundschaftlich, also absolut ohne böse Wille.

31:44Lucian Haas

Wie unterscheidet sich das Fliegen im Schwarzwald von Fliegen in Kolumbien? Außer den Temperaturen vielleicht. Und dass man nicht morgens um 8 Uhr schon immer gleich die Thermik schon ausdrehen kann, so ungefähr.

32:00Matthias Wehrle

Also der ganz große Unterschied ist auf jeden Fall,

32:05Matthias Wehrle

dass der Trubel diese viele Gleichgewichtskräfte, Die haben wir hier nicht. Ich habe nicht überall irgendwelche Thermikhilfe sozusagen.

32:15Matthias Wehrle

Was noch? Also ich finde, Thermik funktioniert bei uns genauso wie in Kolumbien. Das ist nicht so arg viel unterschiedlich. Aber wir haben halt nicht so oft diese guten Tage. Also zum Beispiel 2022, als diese ganze Dreiecke geflogen wurde im Schwarzwald. Das waren einfach auch sehr, sehr gute Flugtage. Und die hat man auch nicht jedes Jahr im Schwarzwald. Und in Kolumbien ist das Wetter einfach unglaublich konstant. Durch die Nähe zum Äquator hat man einfach jeden Tag mehr oder weniger so ähnlich gute Bedingungen. Also wenn es richtig gut läuft, dann hat man so Top -Bedingungen im Schwarzwald vielleicht zwei Tage hintereinander. Und dann war es das. Im Normalfall ein guter, richtig guter Tag.

33:01Matthias Wehrle

Und dann ist der nächste meistens schon ein bisschen schlechter.

33:05Lucian Haas

Wenn du jetzt auswählen dürftest, du weißt zwei gute Tage Kolumbien -Schwarzwald und du könntest dich einfach hin und her beamen. Also die Reise fällt nicht an, also Zeit nicht ins Gewicht und sonst was. Sondern du könntest einfach entscheiden, morgen starte ich Kolumbien oder morgen starte ich Schwarzwald. Beide Tage sehen gut aus. Was würdest du lieber machen?

33:24Matthias Wehrle

Ja, ganz klar Schwarzwald.

33:26Lucian Haas

Ganz klar. Warum?

33:27Matthias Wehrle

Weil die Schwierigkeit doch höher ist. Definitiv. Also in Kolumbien ist durch das Gelände schon einfach vorgegeben, wie man die Dreiecke zumindest ungefähr fliegen sollte. Und im Schwarzwald hat man so tolle Tage, dass die Dreiecke funktionieren. Wirklich sehr selten. Ich finde es dann landschaftlich im Schwarzwald sogar noch ein bisschen spannender. Man hat diese tiefe Täse. Die hohe Berge. Dann hat man diese Bergsee. Dann gibt es ein Flachland. Dann fliegt man rüber auf die Schwäbische Alb. Hat da wieder irgendwo zumindest Berge oder Hügel. Und die Mischung dann abends vielleicht noch oder spätnachmittags in den Nordschwarzwald zu fliegen, der komplett bewaldet ist.

34:20Matthias Wehrle

Also da habe ich schon den Wendepunkt gesetzt, wo ich auch gesagt habe, jetzt darf man mal nicht runterschauen. Eher so hoch an die Wolke. Dann kriegt man wieder Zuversicht. Ja, diese Abwechslung ist im Schwarzwald denke ich schon höher. Man setzt zwar die Wendepunkte auch so ein bisschen ähnlich manchmal, aber die Varianz ist doch irgendwo höher. Und ich denke, die Chance, solche Tage hier abzugreifen, sind dann doch wesentlich seltener.

34:50Lucian Haas

Du hast gerade gesagt, es wäre im Schwarzwald im Grunde etwas schwieriger, auch diese großen Strecken zu fliegen. Reizt dich das? Also wenn es schwer geht irgendwie, wenn man etwas technischer fliegen muss oder was auch immer?

35:05Matthias Wehrle

Ja, was mich vor allem früher immer sehr gereizt hat, war, also ich bin so, ja, ich bin halt so ein Schwarzwälder. Ich denke auch mal out of the box. Und früher hieß es dann gern mal oft, ja, also vor zwölf Uhr braucht man hier am Tafelbühl nicht starten. Also vorher geht es nicht richtig.

35:28Matthias Wehrle

Oder ja. Also wenn, dann fliegt man die Route so und so. Oder so früh fliegt man da noch nicht hin. Oder, und das sind alles so, so Sachen, wo ich gern dann mal gesagt habe, ja, stimmt das denn wirklich? Also ich starte jetzt halt einfach mal schon um 9.30 Uhr. Also ich habe es halt so langsam gesteigert. Irgendwann um 11, dann um 10, dann irgendwann auch um 9.30 Uhr versucht und dann irgendwann auch um kurz nach 9 dann auch mal am Boden gestanden. Klar. Aber mich reizt eher so irgendwelche festgefahrene Sache, die ich dann gern aufbreche und sage, nee, das funktioniert doch. Aber dass ich jetzt so einen besonderen Ehrgeiz hätte, was mich eher reizt, ist, wenn ich weiß, es kommt ein richtig toller Tag, ein toller Flugtag, dann reizt mich das auch alleine hochzulaufen gern auch mal oder mit ein, zwei Freunden.

36:24Matthias Wehrle

Und so diesen, wie der, wie dieser Tag erwacht, dieses alles. Das aufzusaugen, früh aufzustehen, dann muss ich früh am Berg sein, hochlaufen, Stunde, eineinhalb. Dann habe ich gern noch Zeit oben am Startplatz, genieße es einfach, wie sich langsam so die Thermik entwickelt und diesen Tag so zur Gänze irgendwie auszukosten. Ob ich jetzt dann da 200 fliege oder vielleicht auch nur 150 oder whatever. Aber diesen Tag so im Ganzen aufzusaugen, hat für mich unglaublich viel Wert. Das ist wie so eine gute Wanderung mit meiner Frau, wenn ich früh morgens losgehe und dann laufen wir wirklich sechs Stunden oder ja, dass man so einen tollen Tag, was Schönes macht.

37:15Lucian Haas

Was muss man im Schwarzwald verstanden haben, um so große Flüge zu machen? Sind ja nicht so viele Leute, die wirklich große, große Flüge im Schwarzwald machen.

37:28Matthias Wehrle

Also für mich war das auch ein riesen Lernprozess.

37:33Matthias Wehrle

Eins der große, also ein Gamechanger war für mich auf jeden Fall irgendwann, dass ich auf einen Zweiliner umgestiegen bin. Mit dem Zweiliner hat man dann doch eher so die Möglichkeit, auch mal größere Durststrecke zu überwinden, also thermische Durststrecke. Man muss sich den Schwarzwald so ein bisschen als, ja das ist, man muss sich so vorstellen wie ein, ja wie so ein, also ein Gebirge halt einfach. Dass das großflächig wirklich thermisch abzieht. Das heißt an der Rheinebene und auf der Bar, also auf der Gegenseite im Osten, wird wirklich massiv Luft abgezogen. Und um diese ganz große FAI -Dreiecke zu fliegen, muss man eben den Schwarzwald auch verlassen.

38:21Matthias Wehrle

Das bedeutet, sobald ich dann rausfliege aus dem Schwarzwald, fliege ich erst mal gegen den Wind. Und oftmals entsteht dann halt die beste Thermik direkt auf dem Schwarzwald und das dauert dann echt ein Stück. Bis ich dann wieder Anschluss finde, wenn ich dieses gute Gebiet verlasse. Und früher stand ich mit dem Dreiliner doch relativ oft am Boden, wenn ich sowas versucht habe. Und ich habe das Gefühl, mit dem Zweiliner komme ich jetzt doch einfach entscheidend ein bisschen höher an. Ja, was braucht es noch? Es braucht auf jeden Fall irgendwo auch Mut. Ich habe ganz oft Tage gehabt, da sind ganz tolle Wolken auf dem Schwarzwald. Und links und rechts davon sozusagen. Da ist es blau und da fliegt ja niemand gern hin.

39:08Matthias Wehrle

Da erwartet man ja, dass dann wahrscheinlich keine Thermik sein wird. Und es gibt aber trotzdem Thermik da. Man sieht es vielleicht nur an kleinen Flusen. Manchmal ist es wirklich total blau. Und dann ein bisschen die Verrücktheit zu haben, auch zu sagen, okay, ich verlasse jetzt hier diese tolle Wolkestraße und begebe mich jetzt auf Terrain, wo ich nicht genau weiß, funktioniert das. Oder funktioniert das nicht?

39:36Matthias Wehrle

Also da braucht es schon ein bisschen Mut auch, dass man sagt, das wird schon funktionieren.

39:45Lucian Haas

Magst du dieses Experimentieren?

39:48Matthias Wehrle

Mal so, mal so. Also wenn es gut geht natürlich, ist man ganz stolz und sagt sich, ja, ja, ich wusste ja, dass es geht. Und wenn es nicht funktioniert, klar, dann steht man am Boden und schaut unter Umständen hoch, zurück und denkt so, ja, warum bin ich denn nicht an deiner tollen Wolke geblieben? Das war doch eigentlich klar. Aber so dieses Spitzbübische, ja, das gefällt mir schon. Da sehe ich mich schon irgendwo. Und also wenn es funktioniert, ist es dann auch umso schöner. Willst du dich damit beweisen

40:22Lucian Haas

auch?

40:27Lucian Haas

Ja, bestimmt auch irgendwo. Ich meine, wenn man sowas schafft, dann sprechen ja alle über einen. Wenn man das nicht schafft, dann geht das unter. Also wenn du irgendwo die abstellst, dann sagt ja auch keiner, ah, guck mal. Ja. Matthias ist schon wieder zehnmal abgesoffen, sondern du bist der Held auf jeden Fall, wenn du durchkommst. Und alle Ausfälle werden eigentlich nicht weiter diskutiert und wahrgenommen oder sowas. Aber dass man schon sagt, okay, für dieses Heldentum, was ich dann vielleicht zwischendurch mal habe, dafür nehme ich das Risiko in Kauf, dann früh am Boden zu stehen.

40:58Matthias Wehrle

Also bewusst jetzt vielleicht nicht. Ich habe schon vor, wenn ich ein bisschen überlege, also es ist fast schon irgendwie acht oder zehn Jahre her, da war mal regional. Es war eine Regionalversammlung Südwest und unser Verein hat diese Regionalversammlung ausgetragen und als Vortrag wurde dann vorgeschlagen, ich sollte einen kleinen Vortrag halten über das Fliegen im Schwarzwald. Und damals war ich schon so jemand, wo sich eben vor acht oder zehn Jahren aus dem Fenster gelehnt hat und gesagt hat, ja, also mit dem Gleitschirm kann man auch im Schwarzwald 200 Kilometer fliegen. Das warst du damals aber noch nicht. Das habe ich damals noch nicht geschafft. Also da war mit Sicherheit Samuel Blocher mit der beste Flieger hier.

41:47Matthias Wehrle

Und der ist schon in diese Region geflogen, also noch nicht ganz 200 FAI, aber schon in die Richtung. Ich habe damals so einfach die Sache analysiert und gesagt, also rein auf dem Papier her müsste es möglich sein. Und das zeichnet mich jetzt vielleicht zu anderen ein bisschen aus, dass ich dann auch überlege, was möglich, was möglich sein könnte. Und ich spreche es dann auch aus mit dem Risiko natürlich auch, dass ich entweder als Schwätzer dastehe oder ich liefere dann irgendwann mal ab. Und für mich ist es dann aber eher so, ich brauche das vielleicht auch ein bisschen als dieser berühmte Arschtritt, dass ich dann sage, okay, wenn ich es jetzt sage, dann muss ich es auch probieren.

42:31Lucian Haas

Scheiße, ich muss jetzt ins Blaue fliegen, sonst wird das mit dem 200 eh nie was. Und ich habe gesagt, man kann es.

42:37Matthias Wehrle

Genau, ja. Ich muss irgendwann, das validiere, ob das also auch wirklich stimmt.

42:42Lucian Haas

Wie bist du zum großen XC -Piloten geworden? War das irgendwie geplant? Also hast du dir selber auch so immer wieder neue Ziele gesetzt und gesagt, da will ich dann, so wie du die 200 irgendwann mal gebracht hast, aber davor ist ja schon einiges an Schritten davor gewesen. Also wie wird man zum, oder wie bist du zum XC -Piloten geworden, der dann halt wirklich irgendwann auf die großen Strecken geschafft hat?

43:10Matthias Wehrle

Puh, das kommt jetzt darauf an, wie tief man in dieses Thema gehen wolle. Also grundsätzlich war ich irgendwie schon immer irgendwo sportbegeistert. Das heißt, irgendwie so eine Motivation, Antrieb war jetzt für mich nie schwer. Also ich konnte mich, ich war früh schon, bevor ich das Gleitschirmfliegen begonnen habe, war ich schon sportlich aktiv mit einem guten Freund von mir, von Marathon bis Ultramarathon schon gelaufen. Das war nie irgendwas Schwieriges für mich, mich zu motivieren und versuche irgendwie, mich zu verbessern. Als ich das Fliegen begonnen habe, also vor dem Gleitschirmfliegen war ich ja Modellflieger und das war einfach nur das Fliegen an sich, war einfach im Vordergrund.

43:59Matthias Wehrle

Ich hatte einfach Spaß daran an Aerodynamik. Also ich bin zum Schluss ganz viel am Hangsorgen oder Thermikfliegen gewesen mit dem Hangsegler. Da war einfach das Fliegen für mich toll. Und als ich das erste Mal so Gleitschirmflieger gesehen habe, also ich muss dazu sagen, mein Vater, der hat vor mir das Gleitschirmfliegen begonnen und ich fand das immer total langweilig. Da waren so ein paar, in Anführungszeichen, ich war Anfang 20, da waren so ein paar alte Männer in lila Anzügen am Startplatz oben

44:30Matthias Wehrle

mit so komischen Tüten. Die haben sich da rausgestürzt und mit Purzelbäumen erst mal der erste Start versemmelt. Da dachte ich so, nee, also das ist irgendwie nichts für mich. Und als ich dann tatsächlich das erste Mal selber geflogen bin am Übungshang mit dem Schirm von meinem Vater, hat mich dann dieses Flugfieber auch gepackt. Und dass es Streckefliege gibt, das habe ich irgendwie dann gleich mal zu Anfang schon auch vereinsintern gespürt, dass es da so ein Wettbewerb gibt auch irgendwo. Und als junger Kerl war ich da schon ziemlich angefixt zu Anfang. Ich denke, da war ich am Anfang sogar schon sehr auch überergeizig irgendwo. Und ich muss sagen, das hat sich sehr gewandelt in Richtung ambitioniertem Genuss.

45:22Matthias Wehrle

Es ist natürlich schwierig, da so eine klare Trennlinie zu finden. Ich meine, wenn jemand 200 Kilometer fliegen will, da braucht es schon Ehrgeiz irgendwo. Also das macht man ja nicht einfach, weil heute ein schöner Tag war und ich bin halt zufällig im Dreieck geflogen. Das wäre ja jetzt schön geredet. Aber mir ist es ganz wichtig, dass die Leichtigkeit beim Fliegen, trotzdem bleibt. Also ich tue mich im Moment zum Beispiel auch schwer. Ich könnte jetzt sagen, dass ich jetzt noch größer fliege, müsste ich jetzt natürlich der beste Gleitschirm am Markt fliegen und ich müsste das beste Gurtzeug am Markt haben etc. Dann kann ich aber nicht mehr so bei mir im Schwarzwald High and Fly machen.

46:06Matthias Wehrle

Das wird schwierig mit einer 30 Kilo Ausrüstung. Allein um so ein Submarine anzuziehen, bedarf es irgendwie so gefühlt. Zehn Minuten Vorbereitung und Startlauf ist nicht ganz einfach und so weiter und so fort. Also mir ist wichtig, dass die Einfachheit beim Fliegen immer noch bleibt. Und genauso sehe ich es auch mit meiner sportlichen Ambition. Ich weiß, es gibt Tage, da bin ich richtig motiviert. Da will ich wirklich dann auch versuchen, 250 zu fliegen. Aber dass es halt trotzdem irgendwo in einem Rahmen bleibt, wo ich auch während dieser 240 Kilometer, einen Segler sehe und ihm zubinke, dass ich Spaß habe, wenn Vögel gerade vorbeifliege, mit mir kurbeln,

46:53Matthias Wehrle

dass ich die Schönheit der Landschaft immer noch genieße, trotz zwei Drittel Gas, wenn ich gerade drinstehe.

47:01Matthias Wehrle

Das ist mir ganz wichtig. Also ich kenne von früher, von dieser Laufsehne zum Beispiel, kenne ich überambitionierte Leute, die dann nur noch das Laufen im Kopf hatten. Und das wurde mir irgendwann unsympathisch. Und mir ist ganz wichtig, dass ich, also das Gleitschirmfliegen ist zum Beispiel auch kein Haupthobby von mir. Also eigentlich muss ich sagen, wenn ich es rein von der Stunde her sehe, ist es eigentlich Triathlon. Da verwende ich viel mehr Zeit wie fürs Fliegen. Und eben so einen guten Ausgleich zu haben, dass man sich nicht zu arg vielleicht in ein Hobby hineinsteigert. Also zumindest gilt es für mich. Da merke ich, das tut mir gut, ja.

47:39Lucian Haas

Bist du im Triathlon auch so gut wie beim Fliegen?

47:41Matthias Wehrle

Oh nee, also Deutsche Meister werde ich im Triathlon sicherlich nicht mehr.

47:47Lucian Haas

Ja, aber vielleicht Schwarzwaldmeister oder was es da gibt, keine Ahnung. Also wenn

47:51Matthias Wehrle

es tatsächlich mal gut läuft, dann hier in der Region bei so einem regionalen Triathlon, dass ich mal in der Altersklasse tatsächlich gewinne. Ja, aber auch da steht der Spaß im Vordergrund. Und dass man so gemeinsam als Gruppe im Startblock steht und jeder guckt so der andere an und weiß, was er fühlt. Und dann geht mal für, zwei oder vier, fünf Stunden ist mal richtig Alarm. Und dann ist man im Ziel und tauscht sich dann wieder aus über die Erlebnisse. Hat auch sein ganz eigenes spezieller Weiz. Aber wie auch beim Fliegen sehe ich es nicht. Ich sehe es schon sportlich irgendwo. Ich habe auch irgendwo gewissen Ehrgeiz. Aber ich bin so der typische mit 20 Prozent Einsatz, 80 Prozent erreiche.

48:39Matthias Wehrle

Und das muss gut sein.

48:41Lucian Haas

Klassische Gleitschirmwettbewerbe fliegst du ja, glaube ich, gar nicht, oder? Also so diese PWC -orientierten, also Deutsche Liga oder sowas. Oder bist du da auch schon mal mitgeflogen? Habe ich da was verpasst?

48:53Matthias Wehrle

Nee, da hast du nichts verpasst. Fliege ich tatsächlich nicht. Witzigerweise war jetzt in Kolumbien sozusagen ein Zimmerkollege von mir bei zwei Wettbewerben dabei, bei den Colombian Open und der British Winter Open. Er ist absolut begeisterter Wettbewerbsflieger. Und wir haben uns dann abends immer so ein bisschen ausgetauscht. Ich habe vom Streckefliegen erzählt und er vom Wettbewerb. Und da waren noch ein paar andere Liga -Jungs, waren auch zeitgleich in Roldanillo. Und da sind wir irgendwann abends zusammen gesessen. Und die waren der Meinung, ich soll doch jetzt endlich mal auch bei so einem Liga Wettbewerb mitmachen. Und jetzt habe ich mich tatsächlich im Juni oder Juli

49:40Matthias Wehrle

zumindest mal angemeldet. Ich weiß natürlich noch nicht, ob ich bei dem Wettbewerb genommen werde, bei der Pulse Elsass Open. Das ist gerade so bei mir in der Nähe eineinhalb Stunden zu fahren. Und dann mache ich den Spaß halt mal mit und gucke mal, ob ich mit den Liga -Jungs ein bisschen mitfliegen kann.

49:56Lucian Haas

Ja, das ist ja wie Schwarzwald fliegen, nur auf der anderen Seite so ungefähr. Wenn du da über den Vogesen dann kreist.

50:03Matthias Wehrle

Ja, genau. Also ich bin mal gespannt, ob mir das taugt. Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht.

50:09Matthias Wehrle

Zumindest mein Zimmerkollege war mir sehr sympathisch. Und wenn die anderen auch so ticken, dann könnte es ja ganz gut passen.

50:17Lucian Haas

In den Alpen fliegst du auch wenig, also jetzt große Strecken zumindest. Ich weiß, du machst manchmal so Hike and Fly und auch Biwak -Flüge in den Alpen und sowas, also auch über größere Strecken. Aber jetzt große Dreiecke von dir irgendwo mal die Grenze oder Sonstiges habe ich auch noch nicht gefunden.

50:36Matthias Wehrle

Also ich war tatsächlich zwei-, dreimal an der Grenze. Habe das auch schon mal versucht. Vor zwei Jahren war ich so mehr oder weniger zufällig in der Nähe und habe mal auf Raten meiner Frau den Gleitschirm mitgenommen. Ich habe gesagt, ich will eigentlich Urlaub machen mit Familie. Da kommt der Gleitschirm nicht mit. Und bin dann mal 200 Kilometer an der Grenze geflogen. Aber für dieses große Dreieck hat es noch nie gereicht. Warum ich nicht so groß in der Alpe fliege, liegt vielleicht auch so ein bisschen an der Nähe zu der Alpe. Also zu der Grenze brauche ich sieben Stunden mit dem Auto. Und ich bin tatsächlich jemand, der mittlerweile eher sagt, ich genieße es halt total,

51:16Matthias Wehrle

hier gut ausschlafen bei mir, frisch in den Tag an den Berg hochlaufen und hier einen schönen Flug zu versuchen, wie dann sieben Stunden mit dem Auto irgendwo hin, im Auto schlafen, im Zelt schlafen. Dieser ganze Stress, das ist nicht ganz so meins. Natürlich könnte man auch in der Schweiz, das ist nicht ganz so weit von hier,

51:40Matthias Wehrle

muss man aber auch dazu sagen, dass man die Gegend wirklich kennen muss. Ich hatte nämlich auch schon beim Hike and Fly Erlebnisse, wo ich sage, ich gehe jetzt mittlerweile mit einem ganz anderen Respekt an die Sache in der Alpe.

51:55Lucian Haas

In der Vorbereitung hatte ich dich nach negativen Erlebnissen gefragt. Und da hast du mir geschrieben, auch negative Erlebnisse hatte ich glücklicherweise keine. Jetzt klang das gerade, wo du sagst Hike and Fly, da habe ich auch schon mal so ein paar, was nicht so. Oder mir Respekt eingeflößt hast. Das heißt, hast du da vielleicht auch schon was Negatives erlebt oder einfach nur Glück gehabt?

52:19Matthias Wehrle

Ich glaube, Glück gehört immer irgendwo überall dazu. Wäre naiv zu sagen, man hatte immer alles unter Kontrolle. Also ich hatte noch nie einen Retterabgang. Ich war auch nie irgendwie in der Verlegenheit zu sagen, jetzt könnte es dann gleich so sein. Ich hatte nie große Störungen mit meinem, mit meiner Schirme. Und dabei soll es eigentlich auch bleiben. Aber ich hatte zum Beispiel mal das Erlebnis, als wir von Chamonix in Richtung Wallis geflogen sind bei einer Hike and Fly Tour.

52:49Matthias Wehrle

Da hat es doch deutlich Nordwind.

52:53Matthias Wehrle

Und wir konnten aber durch die großen Berge einfach geschützt im Lee fliegen. Also da flog auch alles. Also wir waren nicht die Einzigen, die da flogen. Nur flog halt niemand Richtung Wallis, so wie wir. Und es hat so ein bisschen abgeschattet. Es war nicht zu erwarten, dass man noch mehr Höhe tanken kann. Und ich war gerade der Pilot, der vorne raus flog. Meine zwei Kumpels hinterher. Und dieses berühmte Martigny, wie man das kennt. Das hatte richtig Wind. Und wir sind dann rückwärts geflogen über längere Strecke. Und ich hatte eigentlich einen ganz, ganz braven C -Schirm. Und den habe ich dann mal so abgespiralt, dass ich wirklich schon so einen Tunnelblick gekriegt habe.

53:38Matthias Wehrle

Und währenddessen hat mir der Schirm geklappt. Wo man eigentlich denkt, das könnte eigentlich niemals passieren. In der Spirale hat er geklappt. Ja, also ich bin davon ausgegangen, der wird jetzt ausleihen. Und das hat er zum Glück nicht. Was mich wundert.

53:55Matthias Wehrle

Und ich bin dann zum Glück wieder so weit ins Lee reingeflogen, dass ich ganz sicher landen konnte. Und das war dann für mich so eine Sache, wo ich sage, also das muss ich nie mehr erleben. Aber das war halt auch Glück irgendwo. Das ist dann so eine Mischung auch zwischen dann, ich bleibe jetzt cool. Dass ich jetzt nicht irgendwie überreagiere. Oder dass ich Tunnelblick im Sinne von ich verkrampfe bekomme. Also Alpe ist schon nochmal speziell. Da ist das Fliegen im Schwarzwald so ein bisschen wie auf dem Ponyhof.

54:29Matthias Wehrle

Ganz entspannt. Also es kann auch gefährlich sein im Schwarzwald. Natürlich, keine Frage. Aber da gibt es auch so viel

54:34Lucian Haas

Wald und sehr enge Täler.

54:37Matthias Wehrle

Und da sind ja die meisten

54:39Lucian Haas

Alpentäler ja teilweise breiter als das, was du im Schwarzwald geboten bekommst. Das

54:43Matthias Wehrle

stimmt. Ja, das stimmt. Aber im Schwarzwald fliegt man generell eigentlich über den Bergen. Und in der Alpe fliegt man oftmals halt da runter. Und die Windsysteme in der Alpe muss man schon irgendwo auch verstehen. Die sind im Schwarzwald relativ einfach beherrschbar. Und wenn man jetzt nicht bei ganz viel Wind bei uns fliegt, dann ist es im Normalfall auch jetzt nicht ganz so gefährlich. Aber es gibt schon auch Ställe, zum Beispiel der Villinger Wald. Das ist so ein riesiges Waldgebiet. Also wenn man da tief reinfliegt, dann gibt es vielleicht noch irgendwo eine kleine Lichtung. Da gibt es ein tolles Video vom Südschwarzwälder, der auf einer Waldwegekreuzung in so einem riesigen Waldgebiet landet.

55:29Matthias Wehrle

Also der Schirm passt gerade so zwischen der Tanne durch. Und er landet dann vor den Bäumen. Also sollte man sich schon überlegen, wo man hinfliegt.

55:40Lucian Haas

Lass uns mal ein wenig Thema wechseln und mal über Fliegen und Familie sprechen. Du hast es jetzt schon häufig erwähnt. Du hast Frau, du hast zwei Töchter. Mit denen telefonierst du dann von Kolumbien aus täglich. Und auch so, wenn man mal guckt, ich habe so ein Video gesehen, da landest du nach einer zehn -tägigen Hike -and -Flight -Tour dann wieder im Schwarzwald. Und dann kommen deine Töchter am Landeplatz angelaufen und springen dir in die Arme so ungefähr. Nun bist du verheiratet, hast diese zwei Töchter. Wie bringt man Fliegerei und Familien, also auch so intensive Fliegerei mit so viel Fliegen, wie du es teilweise machst, und wie bringt man das mit Familie übereinander? Ich kenne viele Piloten, die da immer sagen, ja, ich habe heute, ich muss mich an meine Familie richten. Ich kann jetzt nicht fliegen gehen oder sonst irgendwas. Also für die ist das immer Stress, Familie und Fliegen.

56:27Lucian Haas

Wie kriegst du das hin, dass das irgendwie klappt? Und offenbar scheint es ja ganz gut zu klappen.

56:32Matthias Wehrle

Ja, also gut, da muss ich schon sagen, das liegt vor allem auch daran, dass ich eine sehr tolerante Frau habe. Die hat mich zum Glück schon so kennengelernt. Also ich muss kurz überlegen. Ich glaube, ziemlich genau ein Jahr, nachdem ich das Fliegen begonnen habe, haben wir uns kennengelernt. Und da war ich halt voll in der Sturm - und Drangphase beim Fliegen. Und dann wusste die gleich, wie die Prioritäten sind. Sie fuhr damals noch aktiv Motorrad. Und dann war sie Motorradfahrer bei gutem Wetter und ich war Fliege. Und jetzt mit Kindern, ja, das hat sich natürlich schon gewandelt. Also sobald dann mal das erste Kind im Anflug ist, dann muss man schon irgendwo ein Spagat finden. Da musste ich mich auch irgendwann auch finden oder irgendwo Abstriche machen beim Fliegen, weil ansonsten wird es auf kurz oder lang mit Familie nicht funktionieren.

57:29Matthias Wehrle

Nichtsdestotrotz bin ich immer noch verhältnismäßig schon auch viel am Fliegen. Wenn ich Fliegen gehe, dann nehme ich mir zum Beispiel einen Tag Urlaub im Geschäft und bin dann den ganzen Tag unterwegs. Und wie vorhin schon mal gesagt, wenn jetzt so ein Tag ist, wo es nicht so wirklich gut sein wird, dann bin ich den ganzen Tag mit der Familie unterwegs. Und dann fragt mich zum Beispiel meine Frau auch irgendwann beim Wandern, schaut sie hoch, sie flog selbst auch mal ein Jahr Gleitschirm und dann sagt sie, ja, also heute hättest du doch auch fliegen können. Dann sage ich, ja, hätte ich können, aber heute ist Familietag. Ich glaube, es ist halt ganz wichtig, dann zu sagen, es muss einen guten Ausgleich geben zwischen wann mache ich wann was und dann mache ich es richtig.

58:18Matthias Wehrle

Also wenn ich Familietag mache, dann mache ich richtig Familietag von morgens bis abends und nicht morgens fliegen und nachmittags Familie oder andersrum, sondern dann richtig. Und meine Frau steht da auch voll dahinter und sagt dann, okay, also Papa sehen wir jetzt am Samstag jetzt mal nicht, weil Samstag ist gutes Flugwetter. Da sagen wir, morgens sehen wir ihn kurz, dann wird noch kurz vielleicht irgendein Spiel, gespielt mit den Mädels und dann bin ich weg und dann sieht man sich am Abend wieder und dafür macht man dann am Sonntag einen Familietag komplett.

58:53Lucian Haas

Das setzt dir aber auch voraus, dass man sehr gut erkennen kann, welche Tage eigentlich die wirklich guten Tage sind und dann zu sagen, da gehe ich jetzt fliegen. Und das setze ich dann Priorität quasi vor meine Familie und das ist der weniger gute Tag. Man könnte auch fliegen, aber da setze ich dann die Priorität auf Familie. Wie machst du das, um diese guten Tage zu erkennen?

59:17Matthias Wehrle

Also im Moment schaue ich zum Beispiel kaum Wetter, gebe ich zu. Ansonsten, wenn es so ab... Im Moment ist das Wetter auch so schlecht. Da

59:25Lucian Haas

muss man auch nicht groß gucken. Da kann man immer nur... Kannst du schon Paraglideable angucken und siehst du, zehn Tage lang ist die Karte wieder rötlich gefärbt. Da muss man gar nichts, wenn wir weiter gucken, da passiert eh nichts. Da kann

59:37Matthias Wehrle

man schon geistig abhaken, genau. So ab März spätestens fange ich dann an, so ganz grob, nicht eine Woche im Voraus zu schauen, was sich andeuten könnte. Aber so richtig konkret wird es eigentlich so drei, vier Tage davor. Da schaue ich mir dann gern das Kachelmann -Wetter bei uns an, auf Meteo Media.

1:00:03Matthias Wehrle

Relativ zuverlässig. Einfach, um mal zu wissen, grundsätzlich passt der Wind und Sonneneinstrahlung, dass da einfach genügend Sonneneinstrahlung hat. Und dass der Wind nicht zu stark sein wird oder aus der richtigen Richtung kommt. Ja, dann schaue ich tatsächlich viel im Meteo -Paraport. Der hat ja immer so zwei, maximal drei Tage im Voraus. Und wenn der gut hat, dann habe ich auch von meiner Frau die Freigabe, wenn so ein richtiger Hammertag wird, selbst wenn wir irgendwo zum Geburtstag eingeladen sind, dass ich dann an dem Tag freigestellt bin. Weil sie weiß genau, wenn ich den Tag verpasse, dann bin ich auf den Geburtstag eingeladen. Aber so meine Laune ist dann manchmal etwas angekratzt, weil ich weiß, heute könnte man richtig gut fliegen.

1:00:56Matthias Wehrle

Du

1:00:56Lucian Haas

hast so schlechte Laune, wenn so gute Kumuli am Himmel stehen und du nicht am Himmel bist. Ja, also

1:01:01Matthias Wehrle

im Vorfeld dieses Podcasts hatten meine Frau und ich uns auch darüber unterhalten. Da gab es mal vor einigen Jahren einen berühmten Tag, da flog Armin Harig 300 Kilometer. Und Armin hat mich eigentlich noch eingeladen, ich soll doch vorbeikommen. Und ich habe meiner Frau zuliebe gesagt, ja, also gut, wir gehen zum Geburtstag ihrer Tante. Und es war ganz schlimm. Und dann sagt meine Frau immer, geh lieber fliegen, bevor du jetzt irgendwie schlechte Laune hattest.

1:01:32Lucian Haas

Saßt du dann da beim Geburtstag und hast Live -Tracking geguckt? Nee, es

1:01:36Matthias Wehrle

gab es zum Glück damals nicht so richtig. Aber der Armin hat mich noch angerufen danach. Und er hat gesagt, ja, er ist jetzt gerade irgendwie, ich weiß nicht mehr wie viel, also knapp 300 oder 300. Und ich war total verzweifelt am Telefon. Ich habe mich natürlich gefreut für ihn, aber ich wäre halt gerne mitgeflogen.

1:01:54Lucian Haas

Ich meine, der Armin, der postet ja dann auch teilweise, oder früher, als er noch mehr geflogen ist, die großen Strecken, da hat er ja teilweise da auf Facebook dann schon immer gepostet oder so. Und dann sah man schon Bilder aus der Luft und er sagt, ich bin gerade da und da und so und so. Sodass man natürlich sehr schnell neidisch werden konnte und sehen konnte, oh Mist, der ist schon wieder um 9 Uhr gestartet und ist jetzt schon wieder bei Kilometer 270 irgendwo unterwegs. Ja, da

1:02:16Matthias Wehrle

blutet dann das große Fliegerherz schon. Da wären wir gerne auch mit dabei.

1:02:23Lucian Haas

Warum hat deine Frau das Gleitschirmfliegen aufgehört?

1:02:26Matthias Wehrle

Das hatte diesen einfachen Grund, weil sie schwanger wurde. Und sie hat gesagt, sobald sie die Verantwortung für die Kinder hat, ist ihr das Fliegen auch dann zu heiken. Also sie flog schon ganz solide. Aber man muss schon auch sagen, man muss auch ehrlich zu sich sein. Fliegen ist nicht unbedingt auch für jeden geeignet. So als schönes Sonntagnachmittagshobby, sage ich mal, zähle ich es jetzt nicht. Man sollte schon eine gewisse Ambition mitbringen und vielleicht auch ein gewisses Talent.

1:03:02Matthias Wehrle

Und sie flog dann auch zu wenig, dass sie wirklich sicher flog. Sie hat gesagt, es reicht, wenn einer von uns sich dessen Risiko aussetzt, dass mal was passieren könnte.

1:03:13Lucian Haas

Kann das auch was mit Konkurrenz zu tun haben? Möglicherweise. Also du warst so gut, dass sie sagen, mit dem kann ich eh nie mithalten. Der fliegt mir dann immer da weg und ich bleibe dann halt da. Dann am Ende bin ich gelandet und ich muss wieder mit dem Auto hinterherfahren, um ihn irgendwo abzuholen.

1:03:29Matthias Wehrle

Nee, das glaube ich jetzt nicht.

1:03:33Matthias Wehrle

Sie ist sich schon dessen bewusst, dass ich doch irgendwo auch ein Talent mitbringe, was sie jetzt nicht erreichen kann. Das ist wahrscheinlich, wie sie Motorrad fährt, das werde ich wahrscheinlich auch nicht erreichen. Da werde ich ihr immer, wenn überhaupt, so hinterherfahren können.

1:03:50Matthias Wehrle

Nee, ich glaube, dafür war sie einfach fürs Fliegen nicht angefressen genug, dass jetzt so diese Flamme brennt fürs Fliegen. Für sie war das dann doch eher so, es ist toll, diese Erfahrung mal zu erleben, selber am Gleitschirm zu hängen. Aber das war dann doch nicht irgendwas, was... was ihr so viel Zurückgeber hat wie jetzt mir. Sie sagt immer, meine Augen leuchten wesentlich anders, wenn ich von einem guten Flug zurückkomme, als wenn drei Wochen schlechtes Wetter war.

1:04:24Lucian Haas

Du hast gesagt, als Flieger muss man auch irgendwie ambitioniert sein. Was sind deine Ambitionen jetzt noch? Die 200 im Schwarzwald, was du angekündigt hast, die sind gebrochen. Okay, du sagst, man kann noch ein bisschen mehr fliegen, aber ist man nicht irgendwann am Ende angekommen? Also was hast du jetzt noch für Ambitionen?

1:04:43Matthias Wehrle

Eigentlich müsste ich jetzt aufhören. Ich müsste ein neues Hobby anfangen. Nein, natürlich nicht. Also diese Marke von 200 Kilometern, das nächste wird 250 sein, die setzen wir uns ja selber. Das sind ja nur irgendwelche Zahlen. Finde ich ganz nett, als dass man so die Motivation oder dieser sportliche Ehrgeiz ein bisschen befeuert. Aber in Kolumbien hätte ich jetzt zum Beispiel genauso sagen können, nach dem ersten 200er so, jetzt lege ich die Füße hoch. Ich habe auch einen stressigen Job mit Familie, Sport, was ich zu Hause mache, ist manchmal auch anstrengend. Ich könnte jetzt einfach mal nur noch in die Hängematte liegen.

1:05:29Matthias Wehrle

Nein, nach wie vor habe ich einfach unglaublich viel Spaß am Fliegen. Und ich finde das Tolle bei uns in unserem Breitegrad, sind diese Wechsel von Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Und ich finde jede Jahreszeit halt einfach so irgendwas Schönes. Im Winter bin ich vielleicht mehr am Sport machen. Im Herbst bin ich vielleicht mehr wandern mit der Familie. Aber so Frühjahr, Sommer, dieses Erwachen vom Leben und das fliegerisch irgendwie so zu durchlaufen vom Frühling, wenn es kalt ist. Die Thermik auch. Aber sehr stark und sehr definiert bis dann in Richtung Sommer, wenn diese große Hochdrucklage sind mit 30 Grad.

1:06:15Matthias Wehrle

Ich finde es einfach schön und dann ist auch egal, ob an dem einen Tag 100 oder 200 Kilometer rauskommen. Ich genieße einfach so dann diesen eine wertvolle, schönen Sommertag oder Frühlingstag. Also es ist für mich, für mich verliert es keinen Reiz, ob man jetzt die 250 dann mal knackt oder nicht. Sondern wir haben einfach so eine gute Zeit. Wir haben einfach ein unglaublich tolles Fluggebiet und ich habe Spaß am Fliegen. Ich habe immer noch diese kindliche Freude, irgendwo an der Wolke auch mal aufzudrehen oder seitlich an der Wolke aufzudrehen. Man sieht sein Harlow da drin. Oder mit Vögeln aufzudrehen. Das ist schon nach wie vor unglaublich faszinierend für mich.

1:06:57Lucian Haas

Sind dann, auch wenn du jetzt solche Erlebnisse beschreibst, sind dann trotzdem die großen Streckenflüge, wo du auch sehr konzentriert und sehr wahrscheinlich auch, auf Speed und sowas fliegst, sind das trotzdem die schönsten Flüge für dich?

1:07:11Matthias Wehrle

Also sie sind mit Sicherheit schön, aber dann nicht jetzt unbedingt. Klar, man freut sich über die Strecke, aber solche Strecke fliegt man ja wirklich nur an total tollen Tagen. Also da geht es morgens schon um 9.30 Uhr mit kleinen Cumuli los. Und so diese erste kleine Cumuli so ein wenig anzuknappern und dann werden die größer und man fliegt weiter und hat dann irgendwann Wolkestraße. Der Tag muss ja gut sein. Also ob ich jetzt da jetzt 240 fliege oder vielleicht am anderen Tag nur 180, ist ja egal. Also der Tag ist ja unglaublich schön. Und klar versucht man die Kilometer immer so ein bisschen mehr auszureizen.

1:07:57Matthias Wehrle

Aber nichtsdestotrotz, man bewegt sich in der Luft und hat das große Glück, sich so frei zu bewegen. Und ich glaube, viele andere Menschen werden dieses Erlebnis nie haben. Und dessen bin ich mir nach wie vor immer noch bewusst. Und das ist etwas, was mir viel mehr zurückgibt als jetzt die Strecke. Hört sich jetzt vielleicht irgendwie komisch, seltsam an, aber wenn ich mich jetzt rein auf die Kilometer konzentrieren müsste, dann hätte ich, glaube ich, bald den Spaß am Fliegen verloren.

1:08:25Lucian Haas

Du wanderst viel, machst gerne Hike and Fly, fliegst große Strecken. Wären dich auch X -Alps und sowas für dich was?

1:08:37Matthias Wehrle

Also klar, war auch schon mal ein Thema. Bei mir und Freunden. Meine Freunde meine ich, ich soll es mal versuchen. Ich muss aber auch ehrlich gestehen, es fasziniert mich total. Ich verfolge auch die X -Alps. Meine Produktivität geht in den zwei Wochen oder zehn Tagen komplett in den Keller. Mein Arbeitgeber verzeiht es mir. Ich muss aber sagen, dass die Bedingungen, die jetzt in den letzten zwei oder drei Ausgaben geflogen wurden, ist absolut unverantwortlich, finde ich. Das ist meine persönliche Meinung. Also nichts gegen die Teilnehmer, das muss jeder selber entscheiden. Aber ich hänge unglaublich an meinem tollen Leben. Ich habe eigentlich vor, dass ich irgendwie noch viele Jahre Gleitschirm fliege.

1:09:27Matthias Wehrle

Und ich glaube, man setzt sich bei den X -Alps im Risiko aus, dass irgendwann mal nach hinten losgeht. Und es wundert mich eigentlich, dass noch niemand ums Leben geht. Während der X -Alps. Und allein aus dem Grund wird es wahrscheinlich nie Thema für mich sein. Also ich würde vielleicht tatsächlich mitfliegen. Ich werde aber wahrscheinlich nie irgendwie unter vorderste Plätze kommen, weil ich sage, bevor ich mich bei dem Wind raushaue, dann hike ich halt einfach nochmal 50 Kilometer heute, während andere fliegen. Ja, ich wüsste jetzt nicht, ob das dann meinem sportlichen Ehrgeiz irgendwie gerecht wird. Schwierig zu sagen. Aber passen würde ich. Also die Fitness hätte ich, die fliegerische Skills hätte ich auch einigermaßen.

1:10:13Matthias Wehrle

Das würde schon irgendwie passen. Aber die Risikobereitschaft, wie andere das haben, das fehlt definitiv bei mir.

1:10:23Lucian Haas

Ich habe neulich beim Podcast von Gavin McClurg gehört. Da ging es auch um Risiken bei den X -Alps und sonst was. Und er sagte, das, was man dort fliegt, er hat ja selber schon auch teilgenommen, kann man eigentlich auch nur bei den X -Alps fliegen. Und dann kann man es. Dann ist es sogar sicher, dann zu fliegen. Aber das würde man nur hinkriegen, wenn man in diesem Mindset von diesen X -Alps gerade drin ist. Sagt er einen Tag davor oder einen Tag nach dem Rennen oder so, ginge das nicht. Ja, also dann wäre es absolut unverantwortlich und gefährlich. Also das fand ich interessant, wie viel Mindset dann dabei ist. Und irgendwie auch, dass man wahrscheinlich in so einen Tunnel reinkommt, dass man mit solchen Bedingungen dann wie auch immer vielleicht sogar besser umgehen kann, weil man auch manche Sachen ausblendet und wirklich nur noch fliegen ist.

1:11:12Lucian Haas

Kennst du sowas, dass man in so einen Tunnel reinkommt beim Fliegen?

1:11:18Matthias Wehrle

Tunnel jetzt, also aus sportlichem Ehrgeiz weniger vielleicht. Aber was ich bei unserer High -Gain -Fly -Tour schon erlebt habe, war, man hat jetzt zum Beispiel für diese Tour von Nizza bis in Schwarzwald zurück, hat man zehn Tage Zeit. Also ich habe auch nur gewissen Urlaub oder Überstunden, die ich nehmen kann, weil meine Familie beansprucht auch noch ihre vier bis fünf Wochen Urlaub in jedem Jahr. So das heißt, man hat halt eben nur eine bestimmte Zeit. Und da versucht man dann schon auch von Nizza möglichst weit Richtung Schwarzwald zu kommen. Und dann fliegt man auch manchmal bei Bedingungen, wo man, wenn man sich ehrlich zugesteht, sagt man, wenn ich jetzt die komplett freie Entscheidung hätte, würde ich sagen, nee, ich würde es jetzt einfach mal so aus dem Bauchgefühl heraus, würde ich es eher lassen.

1:12:07Matthias Wehrle

Und dann merkt man, ha, doch, es ist doch irgendwo beherrschbar. Aber der Grad dazu, dass es dann doch unbeherrschbar wird, ist manchmal sehr schmal. Also das hat man ja zum Beispiel in meiner Story vorher gehört, als wir von Chamonix ins Wallis geflogen sind. Da ging alles gut, eine Stunde lang schön geflogen und dann auf einmal ist der Schalter umgelegt und man ist Passagier. Ich vermute mal, dass es mir wahrscheinlich bei der X -Alps genauso gehen wird. Und ich würde wahrscheinlich einen riesigen Schaden erleiden. Dass ich so im Normale fliege, niemals eingehen wird. Und da dazu hänge ich zu arg an meinem Leben.

1:12:48Lucian Haas

Als ich dich in der Vorbereitung zu negativen Erlebnissen fragte, das hatten wir vorhin schon mal, aber da ist mir eine Sache noch jetzt gerade wieder eingefallen. Da hast du auf meine Frage nach dem Negativen auch geschrieben, was du als Negativerlebnisse hast. So, einzig der sehr hohe Leistungsgedanken anderer XC -Flieger. Was meinst du damit? Was ist das Negative daran für

1:13:15Matthias Wehrle

dich? Also es gibt Gleitschirmflieger, jeder bringt ja sein Päckchen mit zum Fliegen. An Talent, an Erfahrung, an sportlichem Ehrgeiz etc. Und egal in welcher Liga jetzt wer fliegt, auf welchem Level, es gibt Pilote, die unglaublich ehrgeizig sind.

1:13:45Matthias Wehrle

Manche denken dann, ja, also der Matthias, der fliegt ja öfters mal irgendwie 200. Der muss ja auch total überambitioniert sein und der ist ja bestimmt auch so. Und ich lasse mich aber so ungern von so Leuten anstecken mit diesem Über -Ehrgeiz. Das war wie anfangs auch schon mal erwähnt, weil früher in dieser Läufer -Szene, mich törnt das irgendwie total ab, wenn jemand sich nur auf Zahlen einlässt oder dann wirklich nur ums Racen geht. Für mich steht im Vordergrund eher halt auch das Gesamterlebnis Fliegen.

1:14:28Matthias Wehrle

Aus diesem überambitionierten Ehrgeiz entsteht dann halt auch, je nachdem, auch eine gewisse Risikobereitschaft. Und Fliegen verzeiht Risiko eigentlich relativ schnell. Relativ selten, also wahrscheinlich verhältnismäßig noch ziemlich oft, geht irgendwelche Sache doch noch irgendwie gut. Aber wenn dann mal was schief geht, dann ist halt auch gleich mal der Rücke gebrochen. Also ich habe jetzt in Kolumbien auch erlebt, dass die Wettbewerbsteilnehmer von diesem British Winter Open und auch vorher in dem Wettbewerb, da gab es jeden Tag zwei bis drei Retterabgänge und jeden Tag jemand, der im Krankenhaus lag. Also von gebrochenem Arm, gebrochene Beine, gebrochene Hüfte, gebrochene Rücke.

1:15:15Matthias Wehrle

Und das ist was, was... Also ich bin auch nicht unsterblich, niemand ist unsterblich. Ich finde, man sollte halt irgendwie so fliegen, dass man nach wie vor auch viele Jahre Spaß am Fliegen haben sollte. Und ich glaube, dass so ein Negativerlebnis bei mir vielleicht auch die Konsequenz hätte, dass ich irgendwann das Fliegen aufgeben könnte. Und dafür ist mir das Fliegen einfach... viel zu wertvoll, dass ich das dann aufgeben sollte, könnte.

1:15:45Matthias Wehrle

Wodrin liegt für dich der

1:15:46Lucian Haas

Wert des Fliegens?

1:15:49Matthias Wehrle

Der größte Wert liegt bei mir so in diesem Freiheitsgefühl.

1:15:54Matthias Wehrle

Also Freiheitsgefühl kombiniert mit im Flow zu sein. Also Fliegen ist nichts, was man irgendwie auf einem Pauseknopf drückt und man hält an und man kann aussteigen und sagt so, also jetzt wird es mir zu viel. Ich... Jetzt höre ich hier mal auf, sondern geflogen wird immer, bis man mit beiden Füßen am Boden steht, sicher. Das bedarf schon auch irgendwo einer Coolness und einer Gelassenheit, die man mitbringen muss. Und mich hat das auch viel gelehrt, auch was ich übertrage im Job oder in Familie, diese Gelassenheit einfach mitzubringen, auch wenn es mal eine schwierige Situation ist. Ich kann jetzt nicht Pauseknopf drücken, sondern ich versuche es möglichst rational

1:16:44Matthias Wehrle

und möglichst besonnen und bestmöglich jetzt zu lösen, in dem Moment. Und das gelingt natürlich nicht immer. Sich aber dessen bewusst zu sein, dass manchmal auch eine zweite oder dritte beste Lösung auch gut sein kann, das genügt. Und das ist für mich was, was das Fliegen so speziell macht. Und das wird auch nie, das wird nie berechenbar sein, das Fliegen. Das ist, finde ich, toll, so was Unberechenbares. Also jetzt nicht, dass ich mich unberechenbar in einem Sturm aussitze oder so, sondern etwas Positives irgendwo unberechenbar aussetze.

1:17:22Lucian Haas

Ich würde das gerne als Schlusswort nehmen. Die drei Fs, Fliegen, Freiheit, Flow und die Unberechenbarkeit.

1:17:31Lucian Haas

Danke dir für die schöne Erzählung über das Dreieckfliegen in Kolumbien bis das Dreiecksfliegen im, oder nicht nur Dreiecks, aber das schöne Fliegen im Schwarzwald, wie man es mit der Familie übereinander einkriegen kann und wie man am Ende den drei Fs frönen kann. Danke dir und wünsche dir noch viele schöne Flüge, die du dann auch in diesem Jahr haben mögest. Und ich bin mal gespannt, wann der 250er Dreieck FAI vom Schwarzwald von dir dann geflogen wird. Das

1:18:01Matthias Wehrle

kommt irgendwann. Ich sage es jetzt offiziell, das ist das nächste Ziel. Jetzt habe ich wieder ein bisschen Druck, dass ich dieses Jahr wieder reinfliege. Vielen Dank, Lucian, für deine Zeit. Und mach's gut.

1:18:17Lucian Haas

Das war die Episode Nr. 129 von Podz-Glidz mit Matthias Werle. In den Shownotes im Gleitschenblog Lu-Glidz findest du noch einige weiterführende Links. Wenn dir die Folge gefallen hat, dann abonniere doch Podz-Glidz. Das geht überall, wo es Podcasts gibt. Wenn du dort auch noch ein positives Rating hinterlässt, hilfst du mit, Podz-Glidz noch bekannter zu machen. Oder erzähle direkt deinen Fliegerfreunden davon. Podz-Glidz und Lu-Glidz sind frei von bezahlter Werbung. Ich halte das so aus Überzeugung und im Sinne der Unabhängigkeit. Dennoch stecken viel professionelle Arbeit und natürlich auch Kosten in diesen Angeboten. Um sie zu finanzieren, setze ich auf das Konzept der freiwilligen Unterstützung. Wenn du bis hierhin zugehört hast, sollte der Podcast ja einen Mehrwert für dich haben.

1:19:05Lucian Haas

Als Förderer kannst du einfach etwas zurückgeben. Den Betrag kannst du selbst bestimmen. Ein häufig gewählter Förderbeitrag sind übrigens 60 Euro im Jahr oder umgerechnet 50 Euro. Oder 5 Euro im Monat. Aber egal, was du zahlst, jeder Betrag trägt seinen Teil dazu bei, dass ich Podz-Glidz und Lu-Glidz im Dienste der Gleitschirmszene auch in Zukunft betreiben und weiterentwickeln kann. Dafür sage ich Danke. Alle nötigen Informationen, wie dein Förderbeitrag mich erreicht, findest du auf Lu-Glidz.blogspot.com. Dort gibt es den Menüpunkt Fördern. Lu-Glidz schreibt sich Lu-Glidz. Bis zum nächsten Mal. Fall nicht vom Himmel.

1:19:50Lucian Haas

Ciao.

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