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91. In letzter Sekunde - Kevin Philipp

// Kevin Philipp, Lucian Haas · 2022-09-16 · 01:13:51 · original episode

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[show notes]
Kevin Philipp kam dem Tod sehr nahe. Wenig später wurde er Schweizermeister im Acro-Gleitschirmfliegen. +++ Wer nach dem meistgesehenen Video des Gleitschirmsommers 2022 sucht, landet unweigerlich bei einem kurzen Clip von Kevin Philipp. Der 34-jährige Schweizer trainierte im spanischen Organyá das Acro-Fliegen. Bei einem Twisty-Misty – eigentlich ein Standardmanöver für Kevin – verbremste er sich und fiel in die Leinen seines Schirms. Dieser verdrillte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem unfliegbaren Bündel. Kevin fiel wie ein Stein vom Himmel. Er zog seinen Rettungsschirm, der aber nicht öffnete; er zog einen zweiten Retter, der sich noch im Container ebenfalls in den Leinen verfing. Erst in letzter Sekunde gelang es ihm, das Retterpaket von Hand aufzureißen. Der Notschirm konnte seinen freien Fall Sekunden vor dem Aufschlag gerade noch abbremsen. Kevin blieb unverletzt. Das beeindruckende Video von dem Absturz ging nicht nur in sozialen Medien viral, sondern schaffte es auf allen Kontinenten der Welt sogar in diverse TV-Nachrichten. Was dort freilich keine Erwähnung mehr fand, ist das, was wenige Wochen später geschah. Dem Tod gerade erst von der Schüppe gesprungen, gewann Kevin die Schweizer Acro-Meisterschaft. All das wird nochmals in ein anderes Licht gerückt, wenn man auch noch eine Vorgeschichte hört. 2017 hatte Kevin einen Gleitschirm-Unfall, der ihn mit einem zertrümmerten Lendenwirbel zum Paraplegiker machte. Wochenlang hatte er kein Gefühl in beiden Beinen und musste befürchten, ein Leben lang im Rollstuhl zu sitzen. Mit viel fremder Hilfe und einem eisernen Willen kämpfte er sich aber langsam zurück. Vier Jahre später konnte er erstmals wieder richtig rennen. Der Acro-Titel ist da mehr als nur die Krönung einer Flugleidenschaft. Von all dem und noch mehr erzählt Kevin in dieser 91. Folge von Podz-Glidz. +++ Wenn Du Podz-Glidz und den Blog Lu-Glidz fördern möchtest, so findest Du alle zugehörigen Infos unter: https://lu-glidz.blogspot.com/p/fordern.html +++ Musik dieser Folge: Track: Longer Distance | Künstler: Track Tribe No Copyright Audio Library Watch & Download: https://www.youtube.com/watch?v=biloODowgrA

[transcript]

0:04Kevin Philipp

Irgendwann dann gegen Schluss halt, wo der zweite Ritter nicht aufging, wusste ich, jetzt ist langsam höchste Eisenbahn und da muss jetzt was passieren. Da bin ich schon ein bisschen nervös geworden und habe auch in der Zeit noch schneller an meine Mutter gedacht am Startplatz. Ich dachte halt, das wäre schon nicht gut oder das wäre schon schlimm, wenn sie mir jetzt zuschauen müsste, wie ich da einen Boden aufknall. Und da habe ich mir wirklich noch einen klaren Gedanken gefasst und dann ging es auch.

0:46Lucian Haas

Podz-Glidz, der Lu-Glidz -Podcast. Geschichten aus dem Kosmos des Gleitschirmfliegens. Heute mit Kevin Philipp und ich bin Lucian Haas.

1:01Lucian Haas

Wer nach dem meistgesehenen Video des Gleitschirmsommers 2022 sucht, landet unweigerlich bei einem kurzen Clip von Kevin Philipp. Der 34 -jährige Schweizer trainierte im spanischen Organia das Agrofliegen. Bei einem Twisty Misty, eigentlich ein Standardmanöver für Kevin, verbremste er sich und fiel in die Leinen seines Schirms. Dieser verdrillte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem unfliegbaren Bündel. Kevin fiel wie ein Stein vom Himmel.

1:34Lucian Haas

Er zog seinen Rettungsschirm, der aber nicht öffnete. Er zog einen zweiten Retter, der sich noch im Container ebenfalls in den Leinen verfing. Erst in letzter Sekunde gelang es ihm, das Retterpaket von Hand aufzureißen. Der Notschirm konnte seinen freien Fall Sekunden vor dem Aufschlag gerade noch abbremsen. Kevin blieb unverletzt.

1:58Lucian Haas

Das beeindruckende Video von dem Absturz ging nicht nur in sozialen Medien viral, sondern schaffte es auf allen Kontinenten der Welt sogar in diverse TV -Nachrichten. Was dort freilich keine Erwähnung mehr fand, ist das, was wenige Wochen später geschah. Dem Tod gerade erst von der Schippe gesprungen, gewann Kevin die Schweizer Meisterschaft.

2:22Lucian Haas

All das wird nochmals in ein anderes Licht gerückt, wenn man auch noch eine Vorgeschichte hört. 2017 hatte Kevin einen Gleitschirmunfall, der ihn mit einem zertrümmerten Lendenwirbel zum Paraplegiker machte. Wochenlang hatte er kein Gefühl in beiden Beinen und musste befürchten, ein Leben lang querschnittsgelähmt im Rollstuhl zu sitzen. Mit viel fremder Hilfe und einem eisernen Willen kämpfte er sich aber langsam zurück. Vier Jahre später konnte er erstmals wieder richtig rennen. Der Agro -Titel ist da verständlicherweise für ihn mehr als nur die Krönung einer Flugleidenschaft. Von all dem und noch mehr erzählt Kevin in dieser 91. Folge von Podz-Glidz.

3:09Lucian Haas

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3:27Lucian Haas

Kevin, wer ist Hagen Schwarze und was ist er für dich?

3:32Kevin Philipp

Hagen Schwarze ist mein Physiotherapeut, den ich über ein halbes Jahr hatte. Es war ein sehr guter Physiotherapeut in meiner Sicht, weil er mich halt immer motivieren konnte und immer für ein paar Scherze gut war. Und ja, von dem her ein sehr wichtiger Mensch für mich und in meiner Geschichte bei meiner Rehabilitation.

3:53Lucian Haas

Wofür hast du einen Physiotherapeuten gebracht?

3:56Kevin Philipp

Ich hatte 2017 einen schweren Gleitschirmunfall, wo ich in Gerlitzen in Hangnähe in der Thermik eingedreht habe und bin dann aus der Thermik gefallen und relativ abrupt dann in den Hang, aber eigentlich abwärts, eingeknallt und habe mir da den zweiten Lendenwirbel gebrochen und ein Fragment dessen, hat dann bei mir auf den Spinalkanal gedrückt. Und dadurch war ich direkt querschnittgelähmt, also direkt nach dem Aufprall konnte ich nichts mehr bewegen und wurde dann mit dem Helikopter direkt ins Spital in Klagenfurt verlegt und da notoperiert.

4:45Lucian Haas

Du hast jetzt gesagt, okay, das hat da auf den Spinalkanal gedrückt. Welche Folgen waren das für dich? Für

4:50Kevin Philipp

mich am Anfang hatte ich, ich sage jetzt mal, vier, fünf Wochen eigentlich sehr wenige, wie kann ich das am besten sagen, ja, konnte meine Beine eigentlich am Anfang gar nicht bewegen. Ich konnte sehr bedingt meine Beine spüren oder dessen Lage wahrnehmen. Das war die Folge dessen und ja, ich musste dann halt für sechs Monate eigentlich wieder dafür kämpfen, dass ich laufen konnte.

5:15Lucian Haas

Wie war denn quasi so diese Erstprognose, die man dann von den Ärzten bekommt? Die haben dich gesehen, haben gesagt, okay, der Typ hat vielleicht noch ein bisschen Gefühl in den Beinen. Konnten die dir denn Hoffnung machen, dass es heißt, du kannst irgendwann wieder laufen? Oder war das eher, dass es hieß, Junge, tut uns leid, wahrscheinlich wird da nichts mehr draus?

5:33Kevin Philipp

Ja, es waren immer alle sehr, sehr vorsichtig mit ihren Aussagen. Also zum Glück hat der erste Arzt, der meine Mutter ein bisschen aufgeklärt hat, hat mir das nicht erzählt, aber der hat gesagt, meine Chancen stehen ziemlich schlecht aufgrund der Schwere, der Hochschulphase. Der Fraktur und der Läsion. Deswegen, ja, hat sie das mir auch nicht gesagt. Und die meisten Doktoren danach waren ja sehr, man merkt es einfach im Ton, wo sie reden. Aber wie soll ich sagen, die Hoffnung genommen hat mir niemand wirklich. Aber es hat auch niemand gesagt, dass du jetzt gute oder schlechte Chancen hast. Es war immer so, wir wissen es halt nicht.

6:12Lucian Haas

Hast du es für dich denn gewusst? Also warst du von Anfang an überzeugt, ich werde wieder laufen können? Oder gab es auch Phasen? Phasen, wo du wirklich so down warst und gesagt hast, scheiße, wahrscheinlich werde ich einfach im Rollstuhl enden.

6:25Kevin Philipp

Ja, am Anfang war ich recht optimistisch, aber das hat sich dann mit der Zeit ein bisschen gelegt, weil ich habe gemerkt, dass ich nicht so Fortschritte mache, wie ich sollte. Ich habe andere Storys gehört und gesehen und immer auch nachgefragt und wusste dann, dass es ziemlich unrealistisch ist für mich, also ab einem gewissen Punkt dann wieder wirklich ganz normal laufen zu können. Und am Anfang war das eigentlich noch okay, aber mit der Zeit wusste ich dann, dass jetzt langsam was vorwärts gehen muss. Und durch extremen Schmerz haben sich dann die Ärzte entschieden, eine Notoperation zu machen. Also eine zweite Operation, wo man alles rekonstruiert hat und das Metall oder die Operation von zuvor alles zurückgesetzt hat, den einen Wirbel ersetzt hat, noch die zweite Bandscheibe entfernt hat.

7:18Kevin Philipp

Danach hatte ich also keine Bandscheibe mehr zwischen L1 und L3. Durch das hat sich dann der Schmerz ein bisschen verbessert und auch ich konnte dann wieder besser Fortschritte machen. Ob es jetzt an dem gelegen hat, sagen die Ärzte eigentlich nicht wirklich. Aber ja, es war gerade überschneidend mit meiner Heilung oder mit meinem Heilungsprozess.

7:43Lucian Haas

Du sagst, du hast eigentlich keine Fortschritte erlebt.

7:45Kevin Philipp

Ja, ich habe am Anfang halt nicht viele Fortschritte erlebt. Also in einer sehr wichtigen Zeit, in den ersten zwei, drei Monaten, hatte ich immer mehr und mehr Schmerzen. Und es hat sich wirklich sehr wenig getan. Und die Freunde haben auch immer wieder nachgefragt, hey, kannst du das schon oder geht das? Durch das, ja, war ich schon, ja, wurde ich immer realistischer. Und ich habe mich halt auch wirklich informiert darüber in der Zeit und wusste, die Chancen sind eigentlich nicht so gut. Und ja, war dann schon mental ein Tiefpunkt.

8:17Lucian Haas

Wie hast du dich denn aus diesem Tiefpunkt wieder rausgeholt? Also wie hast du es geschafft, dich immer wieder trotzdem neu zu motivieren?

8:24Kevin Philipp

Ja, ich sage mal, ich war auch dumm genug, halt zu glauben oder zu hoffen, dass es geht. Ich habe so einen gewissen Zweckoptimismus entwickelt und einfach alles ausgeblendet und war da schon relativ stur auch mit dem, was ich glaube oder was ich hören will von Doktoren oder von Physiotherapeuten. Und natürlich auch die Motivation von Familie, Freunden, die mich immer wieder angespornt haben und mich immer wieder motiviert haben, wie auch mein Physiotherapeut, der extrem gut auch zwischenmenschlich mit mir interagiert hat.

9:02Lucian Haas

Wo du sagst, du hast so den Tiefpunkt durchlebt, trotzdem bist du immer wieder dran geblieben. Wann kam denn dann das erste Mal wie so ein Quäntchen Hoffnung oder dass du gesagt hast, da tut sich zum ersten Mal was? Was war das und wie ist es dir dann gegangen? Was hast du dabei gefühlt?

9:18Kevin Philipp

Ja, das war eigentlich so nach drei Monaten, als ich so die ersten Schritte wieder machen konnte. Also ich konnte die Beine schwach bewegen, aber ich habe noch lange nicht geglaubt, dass ich auf denen stehen kann. Und dann hat eines Tages mein Physiotherapeut gesagt, ich glaube, du hast genug Kraft, um einfach dein Gewicht über deinen Beinen zu halten. Und ich war näher pessimistisch und dachte, ja, probiere mal lieber morgen. Ich fühle mich da noch nicht so bereit. Also doch, machen wir und versuchen wir. Und dann hat es wirklich geklappt. Und ich war extrem erleichtert und auch überrascht, dass das jetzt ging, weil über drei Monate halt nicht viel geht. Und irgendwie, du merkst halt von Tag zu Tag nicht groß eine Verbesserung. Aber so im Gesamten hat sich natürlich schon was getan.

10:06Kevin Philipp

Und das Jahr war natürlich wieder eine Riesenmotivation und sehr viel wert.

10:12Lucian Haas

Ich habe heute noch einen Film von dir gesehen. Wo du das so ein bisschen beschreibst, wie die Geschichte da war. Das ist auf Instagram. Da beschreibst du auch in den Kommentaren selber dann dazu, sagst, du hast dir in der Zeit auch ganz viel vorgestellt, was du mit deinen Füßen machst, was eigentlich gar nicht ging. Also du hast getanzt und hast Musik gehört und hast in Gedanken getanzt, aber unten hat sich gar nichts getan. Glaubst du, dass sowas dann auch hilft, dann irgendwie die Nerven zu aktivieren? War das auch etwas, was vielleicht dein Physio gesagt hat, hey, mach so viel im Kopf, wie du möglich machen kannst. Da sagt vielleicht irgendwann der Physio, jetzt will ich auch.

10:46Kevin Philipp

Ja, absolut. Also es war auch etwas, das mir von Anfang gesagt wurde. Die erste Physiotherapeutin in Österreich hat mir gesagt, hey, probiere alles zu bewegen. Probiere jeden Muskel anzusteuern. Am Anfang ging da wirklich gar nichts. Aber bei gewissen Muskeln hat man irgendwas gespürt, ein Feedback, irgendwas. Und bei anderen gar nichts. Also da hat man gedacht, man macht was falsch. Und da kam einfach irgendwie gar keine Antwort. Keine Rückmeldung. Aber ja, ich habe jeden Tag halt auch durch den Schmerz, bin ich jeden Tag irgendwie eine Stunde, zwei ins Bett gelegen, um meinen Rücken ein bisschen zu entlasten. Und in der Zeit habe ich wirklich immer mit großen Kopfhörern gut Musik gehört und wirklich jeden einzelnen Muskel so angesteuert.

11:35Kevin Philipp

Und halt eben auch versucht zu tanzen oder versucht das spielerisch zu machen. Und ich glaube, ja, das war auch ein sehr wichtiger Bart. Bei der Heilung oder beim Heilungsprozess.

11:46Lucian Haas

Du hast jetzt gesagt, nach drei Monaten waren so die ersten Kleinigkeiten, wo sich was tat. Wo du gesagt hast, da habe ich was gespürt. Ich konnte auch zum ersten Mal wieder stehen und sowas. Wie lange hat es denn dann noch gebraucht, bis du wirklich sagen konntest, ich konnte die ersten Schritte laufen und ich konnte irgendwann vielleicht ohne Krücken laufen und ich konnte irgendwann vielleicht sogar normal laufen oder mal auf der Stelle hüpfen oder sonstiges?

12:10Kevin Philipp

Ja, das ging etwa noch monatelang. Bis ich wirklich so schwach ein bisschen laufen konnte, noch sehr wackelig. Ich war dann immer noch mit dem Krücken unterwegs, halt einfach auch zur Sicherheit, falls ich hinfalle. Weil ich halt eben auch nach drei Monaten die zweite OP hatte, war ich immer noch relativ fragil. Ja, es ging schon am Anfang. Also nach sechs Monaten bin ich etwa so einen Kilometer gelaufen und dann war so Ende Gelände. Aber ja, das ging sehr langsam und schleichend voran, der Prozess. Und auch sehr wenig. Viel mit Schmerzen in den drei bis sechs Monaten. Aber glücklicherweise hat sich das immer mehr verbessert. Auch am Anfang war das sehr wackelig. Meine eine Wade war da noch nicht wirklich involviert ins Laufen.

12:57Kevin Philipp

Und da musste ich so eine Schiene tragen, die mir hilft, dass ich nicht den Fuß danach schleife. Ja, das waren so gewisse Hilfsmittel, die ich da am Anfang noch hatte.

13:06Lucian Haas

Die Schmerzen, hast du die immer nur im Rücken gehabt oder war das quasi das ganze System bis in die Beine hinein, dass du gesagt hast, überall halten? Oder habe ich Schmerzen gespürt?

13:14Kevin Philipp

Ja, Schmerzen war eigentlich viel im Gesäß oder auch beim linken Bein. Das waren halt so Nervenschmerzen, die kamen von der Unfallstelle oder von der Läsion. Aber gezeigt haben sie sich mehr in den Beinen. Und das war dann auch ein Problem am Anfang. Man wusste nicht genau, wo die Schmerzen herkamen, von welchem Nerv. Und man hat dann mit so einer Lokalanästhesie, also mit einer Spritze, zwischen die einzelnen Rückenwirbel und hat die Nerven versucht zu betäuben, um herauszufinden, wo was schiefgegangen ist oder welcher Nerven ein Fehlsignal gibt. Und man hat das einfach nicht herausgefunden. Es war ein recht langwieriger und schmerzhafter Prozess.

13:59Kevin Philipp

Und danach hat man sich dann entschieden, nochmal alles zu rekonstruieren.

14:03Lucian Haas

Bist du denn heute schmerzfrei oder gibt es davon immer noch so Sachen übrig, wo du sagst, hey, dieser Unfall hängt mir so nach, ich werde vielleicht mein Leben lang immer noch ein paar Schmerzen davon mitschleppen müssen?

14:16Kevin Philipp

Leider ist es so, dass bei so Verletzungen eigentlich immer, also bei so Rückenmarksverletzungen glaube ich immer noch Schmerzen oder ich werde mein Leben lang glaube ich Schmerzen haben. Also es ist nicht so, dass die mega schlimm sind oder mich täglich oder im Alltag hindern. Aber es gibt halt viele Bewegungen, die ich merke. Es gibt zum Beispiel, wenn ich auf dem Bauch schlafe oder lange auf dem Bauch liege, habe ich danach Rückenschmerzen, wenn ich mit der Brust schwimme. Das ist normal. Dann ist das auch nicht wirklich, wie soll ich sagen, dann ist das langfristig auch nicht wirklich cool für meinen Rücken. Es sind aber Kleinigkeiten und die kann ich sehr gut umgehen und mein Leben ohne diese Dinge gestalten, sage ich mal.

15:07Kevin Philipp

Von dem her bin ich überglücklich, denn ich weiß, was es heißt, wenn man halt im Rollstuhl ist. Ich habe eigentlich keine Defizite, kein Handicap mehr wirklich.

15:18Lucian Haas

Dieser Unfall geschah an deinem Geburtstag 2017.

15:22Lucian Haas

War das für dich so etwas, wo du gesagt hast, auch vom Denken her, wo du gesagt hast, was war das für ein Scheißgeschenk? Das wollte ich nun wirklich nicht an meinem Geburtstag haben. Oder dass du da denkst, das war jetzt eine Strafe von irgendwem oder sonst was?

15:36Kevin Philipp

Nein, gar nicht. Es war halt schon mental ein bisschen komisch, dass es mein Geburtstag war. Aber es ist halt jetzt blöd gelaufen und wie soll ich sagen, ich glaube nicht wirklich an Schicksal oder sowas. Das ist einfach ein dummer Zufall.

15:51Lucian Haas

Von deiner Rehabilitationsphase, wann kam denn in dem Punkt das Gleitschirmfliegen wieder ins Spiel?

15:57Kevin Philipp

Das war etwa zwei Jahre nach dem Unfall, habe ich langsam wieder damit geliebäugelt und bin wieder ein bisschen an den Startplatz gegründet und habe dann langsam bis Ende Jahr mich in die Luft getraut und mal die ersten Crossflüge gemacht bei ganz smoothen Abendbedingungen und da langsam versucht ein bisschen Sicherheit zu gewinnen. Ich war mir halt auch bewusst in dem Moment, dass der Rücken immer noch nicht so verheilt ist, wie er eigentlich soll und durch das ich auch schon noch ein bisschen limitiert war.

16:32Lucian Haas

War dir denn aber auch vorher schon, wo du nicht geflogen bist, langsame Fortschritte gemacht hast, war dir da klar, ich will auf jeden Fall wieder fliegen? Oder gab es auch so Gedanken, dass du manchmal gesagt hast, hey, im Grunde hat mir das Gleitschirmfliegen das jetzt eingebrockt, was ich hier gerade durchmache. Diesen Sport, den will ich eigentlich gar nicht mehr.

16:53Kevin Philipp

Ja, das war anfangs schon eine extrem mentale Frage, direkt nach dem Unfall. Aber ich war eigentlich glücklich, dass mir der Sport so viel gegeben hat. Ich konnte so viel erleben mit Freunden in Brasilien, in Kolumbien, überall auf der Welt. Es sind extrem gute Freundschaften entstanden, die ich für nichts hergeben würde. Und von dem her war ich nicht wütend auf den Sport oder auf irgendwas. Das war, denke ich, ein sehr wichtiger Punkt bei meiner Reha, dass ich halt mental direkt nach vorne schauen konnte. Und nicht irgendwie jeden Entschuldigen suchen musste. Ich wusste, es war mein Fehler. Ich wusste, es war jetzt so.

17:38Kevin Philipp

Und ich konnte recht schnell damit abschließen. Ja, anfangs nach zwei, drei Jahren dann wieder fliegen zu gehen, war schon ein mulmiges Gefühl. Aber wie soll ich sagen, man gewöhnt sich schnell wieder daran. Und die Sehnsucht nach dem Sport und nach dem Gefühl, wieder fliegen zu können und auch wieder das machen zu können, wie man nie wieder sicher geträumt hätte. Mir wurde dann mal gesagt, hey, du kannst schon wieder fliegen im Rollstuhl, das ist schon cool und so. Aber ich habe mir das dann so vorgestellt. Fliegen nicht so, wie ich es dann konnte. Das war schon ein extrem schönes Gefühl. Und wieder nicht nur zu fliegen, sondern auch, wie soll ich sagen,

18:24Kevin Philipp

alleine den Berg hochzulaufen und das wieder individuell machen zu können. Ja, wieder halt das Fliegen voll zu erleben.

18:32Lucian Haas

In diesem Jahr, das ist jetzt gerade, glaube ich, zwei Wochen her, hast du die Schweizer Meisterschaft im Agrofliegen gewonnen. War das ein lang gehegtes Ziel, wo du auch immer gedacht hast, wenn ich schon wieder fliege, dann will ich auch irgendwann mit dem Agro wieder anfangen und da will ich auch wieder wirklich Leistung bringen?

18:50Kevin Philipp

Ich dachte nicht, dass es wirklich möglich wäre, nach dem Unfall jemals wieder Agro zu fliegen. Also vielleicht ganz am Anfang, als ich noch irgendwie geträumt habe oder unrealistisch war, sage ich mal. Aber mit der Zeit war mir ziemlich klar, dass mein Rücken wahrscheinlich diese Gehrkräfte nicht mehr aushalten wird. Und auch ich irgendwie mich wahrscheinlich nicht trauen werde und hatte große Bedenken, dass ich jemals in den Sport zurückkehren kann. Und ja, dass ich jetzt die Schweizer Medaille gewinnen konnte, die Goldmedaille an der Schweizer Meisterschaft, war ein extrem schönes Gefühl, weil es halt so war, dass ich zwei Wochen vor diesem Event in 2017

19:36Kevin Philipp

meinen Rücken gebrochen habe und das schon ein sehr großes Ziel für mich dazu mal war. Und jetzt diese Medaille zu holen, die Welt für mich bedeutet hat.

19:45Lucian Haas

Das heißt 2017, vor deinem Unfall, das war im Grunde, du warst im Training am Ossiacher See. Okay, das ist jetzt nicht beim Agrofliegen passiert, aber der Unfall ist am Ossiacher See passiert. Und da wolltest du anfangen, du wolltest auch schon Schweizer Meister im Grunde werden. Konntest es dann nicht antreten, weil du halt diesen Unfall hattest. Und jetzt, fünf Jahre später, bist du dort wirklich angekommen, wo du damals schon hin wolltest.

20:09Kevin Philipp

Ja genau, das war ein riesen Ziel für mich. Und wie soll ich sagen, dazu mal war ich weit davon entfernt. Es war, glaube ich, die Konkurrenz war stärker. Dieses Jahr habe ich wirklich extrem viel trainiert und konnte ein recht hohes Niveau fliegen und konnte mich so ein bisschen von der Konkurrenz abheben, sage ich mal. Auch wenn ich all die Landungen jetzt nicht so perfekt gemacht habe, wie ich es wollte, hat es trotzdem geklappt mit dem Titel.

20:39Lucian Haas

Spürst du denn noch manchmal Einschränkungen dadurch? Also beim Agrofliegen, wo du sagst, jemand, der nicht eine solche Verletzung hat wie ich, hat einfach auch einen gewissen Vorteil?

20:48Kevin Philipp

Ich würde nicht sagen. Also es gibt ganz wenige Momente, wo ich vielleicht irgendwie mal was merke, aber das ist nur wirklich ein Moment, und nicht jetzt so, dass ich irgendwie dann langfristig Rückenschmerzen habe oder irgendwelche Einschränkungen, eigentlich gar nicht. Und da war ich wirklich auch mega erstaunt, weil am Anfang, wenn ich irgendwie den Berg runtergelaufen bin, da hatte ich starke Schmerzen danach, oder das habe ich extrem gemerkt. Und das sind ja eigentlich nicht so hohe Kräfte, aber wenn ich da irgendwie zwei, drei Stunden Agro geflogen bin am Stück, dann ging das eigentlich tipptopp mit meinem Rücken.

21:24Lucian Haas

Wenn ich das richtig verstanden habe, hast du ja zwischen L1 und L3 dann keine Bandscheibe mehr. Das heißt, da sind auch die Lendenwirbel wahrscheinlich zusammengewachsen.

21:34Kevin Philipp

Genau, also das war so eine neue Operationsmethode. Da hat man die obere und untere Bandscheibe entfernt und auch alle Fragmente rausgenommen und hat dann so einen Kunststoffersatz reingetan. Und den kann man so aufschrauben und der spreizt sich dann auf die gewünschte Größe. Und dann nimmt man diese Fragmente wie auch einen Teil der Rippe, weil man von vorne auch hin musste, hat man noch einen Teil von der Rippe rausgeschnitten und dann das alles eigentlich zermahlen oder klein gemacht zu einer Paste und um diesen Kunststoff spreizt oder diesen Wirbelersatz dann kriegt. Und das hat dann innerhalb von, ja, ein bis zwei Jahren, sagen wir, härtet der eigentlich aus oder wächst das rundum und schließt sich eigentlich.

22:22Kevin Philipp

Und der Vorteil von dieser Operation ist, dass dann eine organische Brücke da ist, die sich dann auch konstant wieder heilen kann und nicht wie bei Metall, dass das mit der Zeit dann halt bricht.

22:34Lucian Haas

Hast du denn dann Bewegungseinschränkungen? Beispielsweise mein Lendenwirbel unten, wenn du jetzt Gewichtsverlagerung machst oder sonstiges, dass du merkst, da bin ich etwas steifer, als ich es früher mal war?

22:45Kevin Philipp

Ja, klar, meine Bewegung ist ein bisschen eingeschränkt in dem Teil meines Rückens, also da bin ich einfach steif. Die Leute sagen immer, wie gerade ich da sitze, und wie gerade ich stehe, also beneidenswert sind es schon alle. Ja, es ist in gewissen Momenten halt ein bisschen störend, aber jetzt nicht groß ein Problem.

23:07Lucian Haas

Was fasziniert dich so am Agrofliegen?

23:10Kevin Philipp

Das ist schwierig zu sagen, also es ist halt der ewige Prozess mit sich selber halt und ich sage ja, man muss, es gibt immer wieder neue Tricks, es gibt immer wieder neue Baustellen, und es ist halt, man ist nie wirklich fertig. Und ich habe mal angefangen, irgendwie 2000, was war das, 2014, und seitdem habe ich einfach irgendwie Blut geleckt und habe extrem Spaß daran. Es ist nicht nur das Fliegen an und für sich, es ist auch die Community, es sind die Leute, die extrem herzlich und cool sind. Ja, es bringt ganz viel mit sich, der Sport, und diese Flüge dann zu machen, halt im Sonnenuntergang noch diese Tricks zu performen und mit seinen Freunden, ich sage jetzt mal, in der Luft zu spielen, das hat schon was sehr Schönes.

23:59Kevin Philipp

Und für mich bedeutet das halt einfach, auch im Moment zu leben und diesen Moment zu genießen. Beim Agrofliegen ist der Moment sehr präsent.

24:10Lucian Haas

Ich meine, Agrofliegen, gerade wenn man zur Weltspitze gehören will wie du und auch wirklich auf super hohem Niveau dann da mitfliegt, ist das ja vor allem enorme Hingabe, ja, auch zeitlich. Du musst ja eigentlich ständig trainieren. Ein Streckenflieger, der kann auch mit wenigen Flügen im Jahr, kann ja trotzdem super Leistung bringen, was wahrscheinlich ein Agroflieger, wenn er zumindest auf dem hohen Niveau fliegen will, um da oben mitzuhalten, da musst du halt ständig im Grunde täglich dranbleiben, um wirklich dieses motorische Gedächtnis und sowas immer wieder wachzurufen und abzurufen und Sonstiges. Ist so ein ungeheurer Einsatz, den man da bringt, ist das ein Lebensstil, den du magst?

24:52Kevin Philipp

Ja, es kommt drauf an, was man halt will. Aber in meinem Fall, ich liebe den Sport und ich liebe es, das Neue zu suchen und rauszufinden, wo die Möglichkeiten sind und ein bisschen an die Grenzen zu gehen. Und das bietet mir der Sport sehr gut. Beim Crossfliegen finde ich es tendenziell gefährlicher, weil du halt immer näher über dem Grund bist. Wenn du da pusht, dann kommst du meistens irgendwie knapp über den Pass rüber oder knapp da durch. Und von dem her, beim Agrofliegen fühle ich mich da wirklich safe. Und ja, ich habe da mega Freude.

25:30Lucian Haas

Apropos safe, wo du das so ansprichst, beim Agrofliegen fühlst du dich safe. Jetzt gibt es ja noch eine zweite ungeheure Geschichte, die du überstanden hast, kann man mal sagen. Nach dem Absturz 2017 bist du in diesem Jahr, hast du auch eine Art Nahtoderfahrung gemacht. Du bist in Organia beim Trainieren, bist du quasi in deinen Schirm gefallen und fast bis zum Boden gestürzt und hast erst im letzten Moment noch geschafft, einen Retter dann öffnend über dich drüber zu kriegen. Erzähl mal die Geschichte, wie hast du sie aus deiner Sicht erlebt?

25:59Kevin Philipp

Das war, ich sage mal, ein normaler Trainingstag. Meine Mutter war gerade zu Besuch und die hat mich noch nie Agrofliegen gesehen. Die hat mich schon ein paar Mal mit dem Cross -Schirm im Garten landen gesehen. Aber ja, wollte das halt mal live mit meinen Nichten dann mal sehen. Und das dann von Frankreich. Ja, für ein paar Tage angereist. Und wir gingen dann alle zusammen an den Startplatz hoch und waren super entspannt. Hatten zwei, drei Flüge gemacht oder zwei, drei Runs. War eigentlich recht gut bei Sache. Hat nicht alles so geklappt zuvor, wie ich wollte. Aber es gibt es halt mal, je nach Tag. Und ja, hab ein Twisty Misty performen wollen.

26:45Kevin Philipp

Also ziemlich am Anfang vom Run. Also war ich noch relativ hoch. Das Manöver, das ich sonst nicht mache. Dass ich es auch irgendwie tief unten mache und sehr viel mache und mich sehr sicher fühle. Und dann irgendwie ist die linke Hand ein bisschen hängen geblieben. Und ich habe die dann schnell ein bisschen freigeben wollen, um wieder zu ziehen. Und bin dann so erschrocken, dass der Schirm dann gerade so geschossen hat. Und mich hat es dann auch gleichzeitig ausgetwistet. Eigentlich wollte ich mich auf die andere Seite noch eintwisten. Ja, der ist dann vor mich geschossen und war eigentlich sicher, der wird jetzt halt einfach so einen Frontklapper geben, ein bisschen vor mir. Aber da ist dann halt auch ein bisschen durch die Thermik oder durch die Turbulenz in meine Richtung gedrückt worden. Ja, dann ging es ziemlich schnell und ich war im Schirm. Ja, richtig blöd auch im Schirm.

27:31Kevin Philipp

Es gibt es ab und zu mal beim Akro, dass mein Schirm fliegt. Also bei mir ist noch nie passiert, dass ich meinen Schirm berührt habe sonst. Es gibt mal, dass man irgendwie die Line berührt oder was auch immer. Und all die anderen Leute, die ich kenne, die in den Schirm gingen, sind eigentlich immer wieder rausgefallen. Oder das geht meistens nicht. Meistens nach ein paar Sekunden wieder einigermaßen. In meinem Fall war es halt so blöd, dass es nur noch runter ging und der ganze Schirm sich eigentlich um mich gewickelt hat oder über mir eigentlich zu so einer Schlange gewickelt hat. Und dann bin ich halt immer schneller und schneller Richtung Boden.

28:07Lucian Haas

Wenn man da so fällt, was geht einem da durch den Kopf?

28:13Kevin Philipp

Ich wusste, ich bin noch hoch. Und ich wusste, ich habe Zeit. Normalerweise mit der Höhe, wenn man irgendwie so ein Malheur hat, kann man das ohne Probleme lösen. Dadurch, dass ich halt so schnell gefallen bin und mir das nicht so bewusst war von Anfang an, war ich eigentlich größtenteils nur relativ entspannt, sage ich mal. Also der Situation entsprechend.

28:38Kevin Philipp

Also wie soll ich sagen, nicht der Situation entsprechend, aber auch für mich war es erstaunlich, im Nachhinein vor allem, wie entspannt ich über eine sehr lange Zeit von dieser Situation war. Weil es mir, glaube ich, auch nicht so bewusst war, in was für einer Situation ich mich jetzt befinde. Weil normalerweise geht es eben relativ problemlos, dass man einen Retter schmeißt, zack, offen und alles ist okay.

29:02Lucian Haas

Du hast ja sogar zwei Retter hintereinander geschmissen. Warum sind die eigentlich nicht aufgegangen?

29:09Kevin Philipp

Beim ersten Retter war es so, dass ich, sobald ich den geworfen habe, ist die Leine vom Schirm mit dem Handel, waren irgendwie zusammen und dann konnte der, die Leinen vom Retter konnten dann nicht genug weit vom Container. Die

29:32Lucian Haas

wurden nicht gestreckt dann so?

29:33Kevin Philipp

Genau, das war eigentlich das Problem, dass der Container sich nicht genug weit von mir entfernen konnte. Und ziemlich schnell danach hat sich dann auch noch die Leine mit dem Handel, also die Leinen vom Retter haben sich dann noch mit dem Container verheddert. Da war das wirklich alles zusammen. Ich habe ganz normale Elastik drin gehabt und deswegen, ich sage jetzt zwei bis drei Finger breit die Loops gehabt, so wie man es eigentlich lernt. Und ja, ich war sehr erstaunt, dass der eigentlich nicht aufging. Und dann beim zweiten war es so, dass da noch mehr Leinen über dem lagen. Und als ich den rauszog, der war schon direkt, also oben etwa vier, fünf Leinen rum. Und da war ziemlich schnell klar, der geht nirgends hin oder so.

30:18Kevin Philipp

Und dann habe ich das gemerkt. Also im ersten Impuls, als ich den geworfen habe, war mir das nicht bewusst. Aber ziemlich schnell habe ich das realisiert, weil er auch noch irgendwie in meinem Blickfeld war. Und ich noch rüber geschaut habe und habe ihn wieder zu mir gezogen und dann einmal dran gezogen und habe gemerkt, dass ich eigentlich das Handle und den Container in der Hand habe. Und das hat mir relativ wenig gebracht und habe mir nochmal in Gedanken gefasst und dann die Leinen des Retters und den Container genommen und so öffnen können. Also der erste Impuls war auch, war auch den Falsch.

30:51Lucian Haas

Du hast das aber alles beim Fallen so wahrgenommen und hast dir dabei die entsprechenden Gedanken dann auch gemacht. Was muss ich jetzt tun? Was kann ich noch tun? Obwohl das alles in so wenigen Sekunden dann eigentlich ablief.

31:09Kevin Philipp

Ja, also als Akropilot hat man ein gewisses Protokoll, dass man lernt oder sich aneignet, sage ich mal. Man weiß zuerst der erste Retter, dann der zweite. Man weiß, wie man eigentlich agieren muss in ähnlichen Situationen. Und durch das war ich eigentlich ziemlich entspannt, weil ich auch wusste, das funktioniert zu 100 Prozent bis jetzt. Bei eigentlich jeder Gelegenheit, wo ich einen Retter schmeißen musste, bei den sieben, acht Mal in meiner Akro -Karriere, war es jedes Mal so, dass eigentlich der erste Retter gerade funktioniert hat, ich smooth zu Boden kam. Jetzt in einem Fall habe ich mir mal, eine kleine Fraktur am Bein zugezogen, aber das war eigentlich nichts wirklich Schlimmes und relativ schnell verheilt.

31:57Kevin Philipp

Aber das war jetzt mehr, weil ich mich ein bisschen blöde oder falsch verhalten habe in dem Zeitpunkt. Aber sonst, wenn man ein bisschen weiß, was man machen muss, funktioniert das eigentlich sehr gut. Irgendwann dann gegen Schluss halt, wo dann der zweite Retter nicht aufging, wusste ich, jetzt ist langsam höchste Eisenbahn und da muss jetzt was passieren.

32:21Kevin Philipp

Und ja, da bin ich schon ein bisschen nervös geworden und habe auch in der Zeit noch schnell an meine Mutter gedacht am Startplatz und dachte halt, das wäre schon nicht gut oder das wäre schon schlimm, wenn sie mir jetzt zuschauen müsste, wie ich da in den Boden aufknall. Und da habe ich mir wirklich noch einen klaren Gedanken gefasst und dann ging es auch.

32:42Lucian Haas

Wie war denn dieses Zeiterleben bei dem Fall? Manche Leute beschreiben ja, dass sie so sagen, kurz vor solchen Unfällen oder sowas, da findet so etwas wie eine Zeitdehnung statt. Man erlebt alles, was eigentlich in Sekundenbruchteilen passiert, erlebt man plötzlich, als hätte man viel Zeit dabei. Und man reagiert zwar blitzschnell, aber trotzdem erlebt man es so, als wäre die Zeit gedehnt. War das bei dir auch so?

33:09Kevin Philipp

Ja, das war absolut so. Man macht halt extrem viele Gedankengänge in relativ kurzer Zeit in so einer Situation. Und ebenso halt gewisse Dinge, die sich in den letzten zwei, drei Sekunden vor der Öffnung des Retters abgespielt haben, die haben sich für mich wie eine halbe Ewigkeit angefühlt. Und das im Nachhinein dann auf dem Video zu sehen und zu sehen, wie schnell das alles ging, war schon erstaunlich.

33:33Lucian Haas

Nun ist der Retter ja glücklicherweise super aufgegangen. Und wie sanft bist du dann letzten Endes noch auf dem Boden aufgekommen?

33:43Kevin Philipp

Eigentlich relativ sanft. Also es ist schwierig zu sagen. Ich habe mich nur ein bisschen abgedreht und bin Richtung Rückenprotektor, weil es da so ein paar kleinere Bäume hat. Und war ein bisschen nervös wegen meiner Rückenverletzung. Aber ging wirklich sehr gut und ohne irgendwelche Schmerzen oder irgendwas, ohne Verletzung.

34:06Lucian Haas

Was denkt man dann oder was hast du gedacht in diesem ersten Moment, wo man unten ist und man stellt fest, ich bin ganz geblieben. Es ist alles noch gut ausgegangen. Also was schießt einen in solchen Momenten dann durch den Kopf?

34:21Kevin Philipp

Das erste war so, ich wusste es nicht. Ich dachte so wirklich, ja, ich dachte von Anfang an, das muss auch gut gehen. Und ich war dann immer noch recht entspannt. Also ich habe eigentlich darauf gewartet, bis ich eigentlich fast ausflippe oder so. Und ich war immer noch relativ entspannt zu dem Zeitpunkt. Klar, nach dem Retter hat sich auch der ganze Druck wieder abgelegt oder so. Ich wusste, ich komme jetzt mit dem Fallschirm runter. Und dann, als ich am Boden war, war eigentlich alles sehr entspannt. Das ist jetzt vielleicht übertrieben, aber ruhiger, als ich gedacht habe. Meine Kollegen sind dann richtig schnell gekommen und wollten mir helfen, haben mir geholfen, alles einzupacken. Und die hatten viel höheren Adrenalinspiegel.

35:07Kevin Philipp

Die waren irgendwie alle fast entsetzt, sage ich mal. Weil von außen gesehen und das vom Startplatz zu erleben, ist eigentlich fast schlimmer als für dich von innen. Es ging dann eine Weile. Und dann wurde mir schon bewusst, was jetzt eigentlich los war. Und danach war es schon mental oder nochmal anders. Aber ganz zu Anfang, dann denkt man einfach, ja, ging gut, alles okay. Ich musste dann auch gerade noch für meine Mutter halt ein bisschen runterspielen und sagen, ja, war jetzt nicht schlimm und passiert eigentlich nie. Das hat mir dann, glaube ich, auch noch geholfen.

35:42Lucian Haas

Was hat deine Mutter eigentlich gesagt als erstes?

35:46Kevin Philipp

Ich glaube, so ziemlich als erstes, hör auf mit dem Fliegen oder sowas. Sie war nicht so sehr begeistert, aber hat sich dann auch schnell relativiert. Und sie kennt mich halt, seit ich auf der Welt bin und weiß, wie ich den Sport ausübe. Also jetzt nicht nur beim Gleitschirmfliegen, sondern auch, wenn ich jetzt im Fahrrad oder mit irgendwas Ähnlichem unterwegs bin, dann mache ich das meistens recht am Limit. Und von dem hat sie im Nachhinein auch gesagt, so bin ich halt. Und das weiß sie und das akzeptiert sie und liebt sie, glaube ich auch. Und das schätzt sie auch ein gewisses Stück weit an mir, wie ich bin oder wer ich bin.

36:28Lucian Haas

Hast du denn im Anschluss daran sowas wie so ein Tief erlebt? Oder etwas, wo du sagst, man rekapituliert das oder sieht diese Bilder nochmal vor sich. Du hast das Video angeguckt und sowas. Das kann man sehr analytisch analysieren. Aber gab es auch so Phasen, wo man dann sagt, ach du Scheiße, das war ja echt knapp und da rutscht einem nachträglich nochmal das Herz so richtig in die Hose?

36:54Kevin Philipp

Ja, es gab schon Momente, so am Abend nach dem Bier, wenn man so ein bisschen alleine ist und seine Gedanken fasst oder so. Da wurde mir schon bewusst, wie knapp das war und wie viel Glück ich hatte.

37:09Kevin Philipp

Aber während der Situation und auch danach, da war so viel los, so viele Leute direkt wieder gleichzeitig. Ich war immer beschäftigt für recht viel Zeit. Und als ich mal ein bisschen zur Ruhe kam, dann wurde mir das schon bewusst und es ist schon eingefahren.

37:27Lucian Haas

Wann bist du dann wieder in die Luft gegangen?

37:31Kevin Philipp

Ich wollte noch am selben Tag, aber ging sich dann nicht mehr aus mit der Zeit. Bin dann, glaube ich, drei, vier Tage später, weil das Wetter immer so ein bisschen, ja, das Wetter war nicht so optimal und man konnte fliegen. Aber ich musste dann halt auch noch das Video schneiden oder all das Zeug machen, was ich noch machen wollte. Und ja, nach vier, fünf Tagen war ich wieder in der Luft. Sicherlich nervös und angespannt, aber das hat sich dann relativ schnell wieder legen können. Und ich habe eigentlich ziemlich zu Beginn wieder denselben Trick versucht und gemacht. Und ja, war jetzt nicht so ein Problem. Dann schlussendlich.

38:13Lucian Haas

Hast du das denn dann so erlebt? Trotzdem den Trick machst du noch mal. Er klappt, dass dann so, ah, Knoten geplatzt. Jetzt kann ich wieder freier fliegen. Oder ist das teilweise, dass sich das jetzt noch manchmal begleitet und du merkst, irgendwie, vielleicht bin ich doch ein bisschen gebremst?

38:29Kevin Philipp

Ja, ein kleines Stück weit schon. Ja, man ist wieder ein bisschen konservativer, sag ich mal, in der Wahl oder wann man was macht oder so. Man ist halt in Sportarten. Also im Sport. Im Freestyle -Sport. Oder ich sage jetzt mal Blödsack. In den Action -Sportarten da. Dass man mit der Zeit sehr selbstbewusst wird und dann halt auch immer ein bisschen mehr Risiko eingeht. Also man wird halt auch besser und man kann auch mehr Risiko handeln oder man kann mehr machen. Aber dann ist halt immer auch wieder, wie soll ich sagen, dass es zwangsläufig passiert ist. Und sobald du halt wieder was hast, gehst du wieder ein bisschen zurück und so. Was auch absolut gut ist. Und bleibst dann ein bisschen höher.

39:15Kevin Philipp

Ich mache jetzt, wenn ich die letzten Tricks mache, schaue ich schon ein bisschen mehr als zuvor. Und dasselbe war auch irgendwie nach meinem Unfall nach 2017. Am Anfang war ich schon sehr konservativ bei meiner Routenwahl, beim Crossfliegen. Ja, das hat sehr lange gebraucht, bis ich wieder Selbstbewusstsein hatte.

39:33Lucian Haas

Nun hast du gerade auch erwähnt, du hast das als Video geschnitten, also deinen Unfall da zusammengeschnitten. Den hast du dann auf Instagram geschnitten? Ja, auf Instagram. Und da ist er dann wirklich viral durch die Decke gegangen. Hast du das erwartet? Und wie hat sich dadurch dein Leben im Grunde vielleicht sogar ein bisschen verändert dadurch?

39:53Kevin Philipp

Ja, in der Größe habe ich das nicht erwartet. Ich wusste, dass das Video sicher ein paar Mal angeschaut wird. Aber jetzt natürlich nie in so einer Breite. Für mich persönlich ist es natürlich gut. Weil ich als Athlet so eine extrem große Reichweite gewinnen konnte. Extrem viele Leute wurden auf mich aufmerksam. Und ja, es ist für mich rein marketingtechnisch oder für Sponsoren sehr interessant oder so. Und zuvor war da natürlich weniger los. Also für mich war es auch wichtig. Ich habe ja meine Geschichte mit der Paraplegie. Und die wollte ich schon immer auch mal an die Leute bringen.

40:40Kevin Philipp

Und habe immer so ein bisschen gedacht, hey, wenn ich jetzt das irgendwie mit meinen paar tausend Follower da teile, dann bekommt das gar niemand mit. Und jetzt mit der Geschichte von dem Beinahe -Unfall haben halt viel mehr Leute auch irgendwie die Möglichkeit, jetzt das zu sehen.

40:58Lucian Haas

Dein Instagram -Account von den Followern her, hat ja ziemlich schnell dann die Marke von 100.000 Followern geknackt. Steht glaube ich aktuell so bei 112.000. Wo stand er denn davor?

41:10Kevin Philipp

Das waren glaube ich so 6.000, so um das, ja.

41:15Lucian Haas

6.000, das heißt innerhalb weniger Tage ist das um 90.000 gewissermaßen explodiert.

41:22Kevin Philipp

Ja genau, also das ging extrem viral. Die Leute haben sich extrem interessiert um die Story. Da kamen Medienanfragen aus Amerika, aus Australien, also von ziemlich überall auf der Welt. Ich werde jetzt noch irgendwie in den nächsten paar Tagen noch ein Interview mit CNN Arabia, also dem arabischen CNN noch machen. Und diverse andere, ich sage jetzt, Interviews und Auftritte bei Medien noch anstehen haben.

41:54Lucian Haas

Wie fühlt es sich so als Medienstar?

41:59Kevin Philipp

Es ist gar nicht meins, ich bin nicht so gerne im Rampenlicht. Aber ich weiß halt, dass ich den Moment jetzt auch ein bisschen nutzen muss, um die Message oder meinen Account und alles ein bisschen zu pushen. Oder vor allem auch, was mir ein Anliegen ist, halt die Geschichte mit meinem Unfall. Und dass die Leute halt wissen oder ja halt irgendwie auch ein bisschen Hoffnung daraus schöpfen können oder so.

42:26Lucian Haas

Erzähl mal so ein bisschen, wie ist das eigentlich mit der Vermarktung von so Geschichten? Verdient man mit solchen global dann auch in Medien? Und als Nachrichtenfilmchen ist das ja weltweit teilweise gelaufen. Ich habe das auch gesehen von irgendwelchen asiatischen Geschichten so. Und du hast gesagt USA und Brasilien und Australien, Neuseeland. Und überall lief das ja auch auf den Internetseiten und teilweise auch wirklich im Live -Fernsehen dann so. Diese Videos, die man da auf Instagram stellt, wenn die die dann senden, kriegst du dafür auch direkt Geld?

42:56Kevin Philipp

Ja, also bei mir war es jetzt so, dass ziemlich früh schon sich diverse Agenturen gemeldet haben. Ja. Die sich eigentlich um so Licensing oder um die Lizenzierung für so Videos kümmern. Und die haben mir dann Angebote, also verschiedene, es kamen dann verschiedene Angebote rein. Und ich habe mich dann für ein gutes Angebot entschieden. Da geben es dir je nachdem zwischen 50 -50 bis irgendwie 80 -20. Je nachdem, dass sie halt einen Teil der Arbeit machen und 20 Prozent jetzt für sich behalten können und 80 gehen an dich. Ja, ich habe mich entscheiden müssen. Und die haben eigentlich alles dann in die Hand genommen, um diese Bilder zu teilen. Und wenn ich eine Anfrage von Fernsehsendungen oder von größeren Medien bekommen habe, habe ich mich für die Lizenzierung an diese Agentur gewendet.

43:50Kevin Philipp

Im Endeffekt, das ist nicht mega viel Geld. Das sind nicht Zehntausende von Franken oder von Euro. Aber es ist jetzt schon ein paar Tausend zusammengekommen. Also

44:02Lucian Haas

es ist ein bisschen lukrativ, zumindest dem Tod von der Stippe zu springen.

44:06Kevin Philipp

Ja, sicher. Ja, es hat mir schon viel geholfen. Und auf YouTube ist es ja noch so, bei einer Million Views würdest du irgendwie so 3.500 bis 4.000 Franken bekommen. Und das heißt, jetzt mein Video hat irgendwie 300.000 Views. Das entspricht glaube ich irgendwie 1.000 Franken oder 1.000 Euro. Beides zum selben.

44:28Lucian Haas

Dein Video von den Inhalten her passt ja so ins Bild vom Glauben. Gleitschirmfliegen als Extremsport, der auch irgendwie extrem gefährlich ist. Also da ist wirklich einer, kurz vor Tod ist er dem gerade noch wirklich von der Schippe gesprungen. Hast du auch mal daran gedacht, das Video vielleicht gar nicht zu veröffentlichen?

44:47Kevin Philipp

Ne, wir haben eigentlich alle Leute um mich herum. Ich bin ja, zu dem Zeitpunkt war ich sehr in der Community und habe mich immer mit vielen Freunden auch getroffen und geflogen. Und die haben mir alle geraten, eigentlich das Video zu veröffentlichen. Weil halt Leute dann auch davon profitieren können, lernen können, was man vielleicht nicht machen soll, was man machen soll. Ich versuche es auch. Ich wollte eigentlich die Tage noch ein Video schneiden, wo ich auf einzelne Details eingehe. War jetzt durch technische Probleme am besten verhindert. Aber ja, für viele Piloten kann es natürlich hilfreich sein, gewisse Aspekte sich da mal anzusehen oder zu überdenken.

45:32Lucian Haas

Das heißt, das Video siehst du eher als Hilfestellung für die Szene letzten Endes?

45:36Kevin Philipp

Ja, sicher, ja. Also es ist, man gerät sicher sehr selten in eine Situation wie diese. Aber es ist halt immer gut, wenn man sich auseinandersetzt mit dem Notfall, also beim Akrofliegen zumindest. Und halt was man tun könnte und was eine Option wäre. Und von dem her, ich habe bis jetzt noch niemanden gesehen, der den Retter so geöffnet hat. Und ja, es ist vielleicht im Notfall nicht mal die schlechteste Situation. Bei dem

46:04Lucian Haas

Fall, lass uns doch mal ein bisschen zurückspringen. Da hast du gesagt, ich war eigentlich total klar. Und es klingt so, wie du hast eigentlich wirklich, wenn nur im letzten Moment, eigentlich vielleicht so etwas wie Angst gespürt.

46:17Kevin Philipp

Ja, also am Schluss, am Anfang eben, da denkt man, alles geht gut. Und dann gab es so einen Punkt, wo man schon Angst verspürt. Aber irgendwie hatte ich gar keine Zeit, nervös zu werden. Oder irgendwie das Adrenalin. Ich kam dann verspätet oder so. Ich weiß ja nicht. Aber ja, ich wusste eigentlich, ich muss nur funktionieren. Ich muss dann einen Weg finden, eine Lösung finden. Und zwischen werfen und dann am Retter hängen war so eine kurze Zeit. Da hätte ich vielleicht noch Angst haben können. Oder Zeit zum Angst haben gehabt. Aber ja, sobald ich dann hing, war ich sehr, sehr erleichtert. Und es war dann wieder gut. Ich war nochmal nervös eben für die Landung. Aber das hielt sich dann in Grenzen eigentlich.

47:03Lucian Haas

Wenn du so ein Typ bist, der gerne das Extreme macht, bist du im Grunde auch ein angstfreier Typ?

47:09Kevin Philipp

Also nein, eigentlich wie jeder andere habe ich auch meine Ängste. Und ich würde nicht sagen, die sind weniger als bei anderen. Nur weiß ich, was ich halt kann. Und in dem Fall habe ich das ein bisschen überschätzt, sage ich mal. Aber glücklicherweise ging es dann wirklich gut. Ich habe auch bei meinem ersten Stahl, bei meinem ersten Sicherheitstraining hatte ich massive Angst. Da war ich extrem unsicher. Und dann halt Schritt für Schritt eignet man sich dann mehr Können an und auch Vertrauen am Gleitschirm.

47:45Lucian Haas

Wann hast du das letzte Mal so richtig Angst verspürt? Das

47:49Kevin Philipp

ist schwierig zu sagen. Ja, gibt es ab und zu, wenn man eine Freundin hat oder so.

47:57Lucian Haas

Das kann man auch so verstehen. Gut.

48:01Lucian Haas

Wenn du jetzt da fast runtergeknallt bist. Zwei Wochen später standen, glaube ich, diese Schweizer Meisterschaften an. Hast du danach zwischendurch mal kurz darüber nachgedacht, hey, ich trete dann besser nicht an? Gab es solche Gedanken bei dir dann vielleicht auch?

48:19Kevin Philipp

Ja, nein. Die Schweizer Meisterschaft ist ja über Wasser, wie eigentlich alle Competitions. Und von dem her war ich da eigentlich safe. Es war mehr, dass ich halt nicht so viel dann trainieren konnte, weil ich vor dem Vorfall hatte ich ein Problem mit der Schulter. Und danach habe ich irgendwie so eine Woche am Computer verbracht und ging dann direkt fliegen und habe mir irgendwie Muskeln gezerrt im Rücken. Der Rücken war dann extrem verspannt. Und ja, von eins ins andere war ich dann halt nicht so gut vorbereitet, wie ich sein wollte. Aber schlussendlich hat es dann doch geklappt. Mit

49:00Lucian Haas

dieser Goldmedaille, die du da gewonnen hast, bist du zu deinem Physiotherapeuten hingegangen, den ich ganz am Anfang erwähnt hatte, den Hagen Schwarze. Und hast ihm diese Goldmedaille geschenkt. Warum?

49:12Kevin Philipp

Ja, weil er ein sehr motivierender Mensch war und jemand, der, ich glaube, einen extrem großen Job gemacht hat mit meiner Reha und immer sehr herzlich war und wirklich ein Mensch war, der mir sehr viel bedeutet. Und meine Familie und die Leute um mich herum, die wissen das sehr gut. Aber halt die Leute von der Reha, von der Klinik, denen ist nicht immer bewusst, wie dankbar ich denen bin oder auch andere Patienten. Und ich wollte das einfach als Anerkennung für deren Arbeit und für all die Stunden, die die da nie aufgegeben haben.

49:51Lucian Haas

Das heißt, die Goldmedaille dann für das Team?

49:54Kevin Philipp

Genau, hauptsächlich halt für ihn, aber halt auch für das Team. Für jeden, der da täglich seinen Job tut und ganz vielen Leuten hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Das war halt, also die Reha -Klinik, wo ich war, ist eine spezielle für Leute mit Rückenmarksverletzungen oder mit Tetraplegiker, Paraplegiker. Und das war dann schon cool, ihnen das mal zu geben. Und der Hagen Schwarze macht das schon irgendwie seit über 25 Jahren. Und von dem kann ich sagen, glaube ich, hat er sich sehr richtig verdient.

50:31Lucian Haas

Springen wir jetzt zum Ende hin nochmal ein bisschen im Thema beziehungsweise auch im Kontinent und zwar nach Kolumbien. Da warst du schon häufiger und hast unter anderem auch große Strecken geflogen. Also keine Agro -Fliegerei da gemacht, sondern wirklich große XC -Strecken geflogen und unter anderem ein paar kolumbianische Rekorde aufgestellt. Wie kam es dazu?

50:54Kevin Philipp

Kolumbien ist mittlerweile meine zweite Heimat. Und durch das, ja, ich verbringe sehr viel Zeit da, habe da auch das Streckenfliegen wirklich gelernt. In der Schweiz bin ich nur so ein bisschen um den Hausberg geflogen und konnte mich da wirklich mega entwickeln, viele Freundschaften geschlossen und habe mich auch in das Land und die Leute verliebt. Bietet natürlich im Winter extrem viele Tage zum Fliegen. Ja, für mich ist es Paradies im Winter. Und es kam halt dazu halt auch, ich habe da Jahr für Jahr, ich gehe schon viele Jahre hin, mal länger, mal weniger lang. Und das hat sich dann immer so ein bisschen weiterentwickelt mit Freunden, die dann auch gepusht haben und die mich dann am Anfang noch mitgezogen haben.

51:42Kevin Philipp

Und mit der Zeit wird man dann sehr, wie soll ich sagen, competitive. Also man versucht sich ein bisschen zu messen und es hat sich dann hochgeschaukelt. Und mittlerweile sind wir die Leute, die da eigentlich ein bisschen an der Spitze fliegen oder die Rekorde brechen. Die kennen wir oder wir kennen uns alle sehr gut und sind auf sehr guten freundschaftlichen Verhältnissen. Das ist schon cool, so miteinander zu sitzen und ein bisschen da zu battlen, sage ich mal.

52:13Lucian Haas

Kannst du denn auch Gleitschirmfliegen, ohne dich zu messen? Also Agrofliegerei ist ja viel dann, man misst sich auch, vergleicht sich mal mit anderen, was kann der schon, welche Tricks kann der, wie gut kann der die und Sonstiges. Beim Streckenfliegen guckt man dann vielleicht immer, okay, wo ist der jetzt noch geflogen, wo hat der noch ein paar Punkte gemacht, wie kann ich meinen äußersten Wendepunkt noch etwas weitersetzen oder Sonstiges. Kannst du es auch manchmal genießen, eben nicht diesen Wettbewerb zu suchen?

52:38Kevin Philipp

Ja, absolut. Es gibt viele Tage, wo ich mir einfach sage, ich fliege jetzt ein bisschen frei herum und suche mir gewisse Punkte, die ich anschauen will. Aber jetzt all diese Rekorde, da geht es eigentlich nicht um die Nummer, sondern es geht darum, diese Punkte, diese jetzt beim FAI 3, den ich diesen Frühling da geflogen bin, diesen Winter, war es auch so, dass halt diese drei Punkte sehr schwierig anzufliegen sind und schon eine mega Challenge ist, das alles in einen Flug einzubringen. Und das ist dann schon cool. Der Weg ist eigentlich das Ziel. Es geht weniger, jetzt irgendwie der Erste oder das zu haben, sondern mehr, einfach das zu erreichen für sich selber, zu sehen, ob das möglich ist, ob das im Möglichen ist.

53:26Kevin Philipp

Und ja, das ist schon noch cool. Und ja, es gibt ganz viele Tage, wo ich einfach nur genieße und nicht nur einfach im Beschleuniger stehe.

53:37Lucian Haas

Du hast gerade gesagt, diese Punkte sind so schwierig anzufliegen. Was ist daran so schwierig? Liegen die so abseits im Nowhere von Kolumbien, dass man immer sagen muss, wenn ich dahin fliege, dann darf ich auf jeden Fall nicht absitzen, weil da gibt es nichts zu landen? Oder was ist die Schwierigkeit?

53:51Kevin Philipp

Ja, je nachdem. Also in vielen Tagen ist halt so genau an allen Eckpunkten eigentlich so zwischendrin. Die Längen, die sind gut zu fliegen, gut zu machen. Aber um halt das Dreieck möglichst auszufliegen, muss man dann immer noch irgendwie die blödste Ridge überfliegen, wo, wenn man dann da landet, hat man einen sehr langen Nachhauseweg. Es ist nicht so, dass es, glaube ich, extrem gefährlich ist, aber es sind halt so Canyons und so verwinkelte Orte, wo man eigentlich nicht zwingend irgendwo dann landen will. Und das dann halt, früher war das, wie soll ich sagen, ganz schwierig oder eigentlich unvorstellbar, in diese Regionen zu fliegen oder diese Orte. Da dachte man sich, ja, da komme ich nie mehr raus. Und heute hat man so ein bisschen Wege gefunden oder über die Jahre, wo man weiß, das funktioniert, da kann man.

54:41Kevin Philipp

Und ja, das ist schon schön, halt auch mal Orte zu sehen, wo man sonst eigentlich nichts sieht, wenn man in der Gegend fliegt.

54:48Lucian Haas

Bist du denn da schon mal im Nowhere, hinten im Canyon oder sonst was in Kolumbien wirklich abgestanden und musstest dann... Irgendwie dich ganz wild da wieder rauskämpfen?

54:59Kevin Philipp

Ja, das gab es doch schon ein paar Mal. Also meistens ist, wenn man mit irgendeinem Kumpel unterwegs ist, dann ist man besonders motiviert oder denkt so, ja, ja, wir sind zu zweit, geht schon gut. Und dann zum Teil kann man auch irgendwie so 50 Meter neben der Straße landen, aber muss dann irgendwie drei Kilometer laufen, weil halt da irgendwie so ein Fluss ist, wo man nicht drüber kommt. Und es gibt ja bei mir, ich war immer relativ glücklich,

55:27Kevin Philipp

aber, also ich hatte immer relativ viel Glück, aber es war dann so, dass in vielen Situationen, also ja, schon mal drei, vier Stunden bis zur nächsten Straße ging. Also vor allem dann in Brasilien, wo ich auch mal war,

55:45Kevin Philipp

2017 war das auch, da ging es zum Teil schon recht lange und ohne Bäume, ohne Schatten stehst du da mal einen halben Tag, bis irgendwie jemand kommt oder bis man aus der Berge kommt. Oder bis du ein paar, ein paar draußen bist.

55:57Lucian Haas

Aber dann würdest du es trotzdem wieder machen?

55:59Kevin Philipp

Ja, klar. Es ist immer ein Abenteuer. Man lernt die Bauern da kennen oder so. Und ja, es ist sehr herzlich, wenn die Leute einen dann empfangen. Ich sage, in dieser Einhülle und weg von der Zivilisation sind immer sehr, sehr gute Erfahrungen, die man da machen kann eigentlich im Nachhinein.

56:18Lucian Haas

Nun bist du von den Ergebnissen her ein sehr guter Agroflieger und bist ein sehr guter Streckenflieger. Wenn du das beides so für dich mal vergleichst, was ziehst du aus dem jeweiligen Teilaspekt dieses Sports? Also was gibt dir das Agrofliegen und welchen Teil gibt dir das Streckenfliegen?

56:37Kevin Philipp

Das Streckenfliegen ist halt für mich mehr Ruhe, mehr, ich sage jetzt ja nicht Entspannung, aber man, wie soll ich das am besten erklären? Man bekommt so eine meditative Phase beim Streckenfliegen, wo du halt vor allem wie jetzt in Brasilien, wo du zum Teil 10 bis 12 Stunden in der Luft bist, da funktionierst du einfach nur noch und denkst eigentlich nicht mehr so viel. Und beim Agrofliegen ist das ein bisschen anders. Da denkst du tendenziell mehr und jeder, du hast halt einfach immer so Runs, immer wieder so Peaks und beim Crossfliegen ist das anders. Also es hat beides, beides seine megaschönen Facetten und ich, ich äh, liebe es ein bisschen abzuwechseln.

57:27Kevin Philipp

Ich könnte jetzt nicht das ganze Jahr nur Agrofliegen oder nur Cross -Country fliegen, aber ja, wie kann ich das am besten in Worte fassen? Also beim Agrofliegen ist halt so, dass das halt die Gehkräfte und die Dynamik und halt auch das Zusammenfliegen viel präsenter ist und mir extrem viel gibt. Und beim Streckenfliegen bin ich tendenziell alleine oder mit einem Kollegen landest alleine meistens. Ja, das ist für mich dann eher ein Ruhepol, wo ich ja Zeit für mich habe, wo ich meine Gedanken irgendwie ein bisschen fassen kann, wenn ich wirklich lange fliege und auch was sehr Meditatives hat für mich.

58:09Lucian Haas

Gibt es denn für dich auch so was wie so einen Flow -Zustand und kannst du den bei beiden Formen erleben oder sagst du eigentlich in so einem gefühlten Flow komme ich nur beim Streckenfliegen, weil da bin ich nur entspannt. Agrofliegen ist einfach so eine spannende Geschichte in dem Moment, da gibt es keinen Flow. Was ist denn Flow als solchen Zustand eigentlich?

58:28Kevin Philipp

Also für mich ist es immer sehr wichtig mit Musik zu fliegen. Ich fliege sehr gerne mit irgendeinem Rhythmus, ob ich jetzt Cross oder Agro fliege. Und ja, es ist immer mega wichtig, dass man gut vorbereitet ist, dass man einen gewissen Flow hat, dass man sich gut fühlt, dass man gute Gästen hat, dass eigentlich alle Parameter stimmen und erst dann kannst du wirklich dein volles Potenzial entwickeln, oder nutzen. Weil halt wie beim Crossfliegen, wenn du irgendwie nach zwei Stunden einfach Durst hast und nichts mehr zu trinken hast und nichts zu essen, dann ist das auch irgendwie blöd. Und beim Agro ist dasselbe, da muss man schon irgendwie ein bisschen schauen.

59:11Lucian Haas

Was für eine Art von Musik ist das, die du da am liebsten dabei hörst?

59:15Kevin Philipp

Ganz unterschiedlich, je nach Tage. Ich bin da sehr offen für alles. Ich höre mir da ziemlich alles an.

59:23Lucian Haas

Passiert dir denn auch schon mal, dass du sagst, hey, der Rhythmus dieser Musik passt jetzt nicht zu meinem Agro -Rhythmus, den ich hier gerade fliege, weil du merkst, irgendwie die Geschwindigkeit ist eine andere, als ich hier gerade ziehen muss oder so?

59:35Kevin Philipp

Das eigentlich nicht. Aber wenn ich so gewisse Tricks oder gewisse Dinge machen will, dann weiß ich ja, diese Musik oder dieser Track hilft mir ein bisschen oder die pusht mich, die finde ich gerade aktuell gut. Und dann starte ich die andersrum eigentlich nicht. Wenn jetzt eine Musik nicht so gut ist, dann höre ich die einfach nicht wirklich oder nehme die nicht so wahr. Aber es gibt Momente beim Fliegen, wo dann eben der Rhythmus genau passt und irgendwie, ja, so die Peaks und so genau am richtigen Ort sind. Und das ist dann schon cool, dass das dann in dem Moment schon wahr ist.

1:00:07Lucian Haas

Ist das dann, Agro -Fliegen auch dann wie so ein Tanz, was du dann machst in der Luft?

1:00:12Kevin Philipp

Ja, es ist schon ein Tanzen, es ist sicher eine Choreografie und es muss was sein, das in einem gewissen Flow ist, in einem gewissen Rhythmus. Ja. Und das ist halt auch schön oder wie soll ich sagen, ich bin jemand, der das nicht so im Griff hat oder so, noch nicht. Ich bin jemand, der technischer fliegt und nicht so schön flüssig wie jetzt der Weltmeister, der Bicho oder so. Aber Musik hilft sicher dabei, ein bisschen sich zu entspannen, vor allem auch bei einem Wettbewerb, wo man halt sehr angespannt ist und dann ein bisschen Rhythmus zu haben, anstatt nervös und schnell zu ziehen. Und hastig zu sein.

1:00:54Lucian Haas

Wenn du jetzt Strecken fliegst und Agro fliegst, würdest du sagen, du profitierst beim Streckenfliegen von deinen Agro -Fähigkeiten?

1:01:02Kevin Philipp

Ja, also teils sicher. Es gibt Momente, wo ich darauf angewiesen bin, dass mein Schirm so fliegt, wie er soll. Wenn man jetzt mal in der Lehseite ist oder mal ein Problem entsteht, dann glaube ich schon, dass ich das Können entwickelt habe, den Schirm ein bisschen besser zu beherrschen, als der Amateur fliegt. Oder der normale Pilot. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich durch das jetzt einfach alles machen kann und nicht mehr Angst haben muss. Ich bin genauso gestresst wie jeder andere und zum Teil noch mehr als Leute, die eigentlich da sehr viel weniger Skills haben.

1:01:39Lucian Haas

Wieso zum Teil noch mehr? Bei all dem, was du erlebt hast und bei den, wo du schon, also die Stresssituationen, die du schon auch beim Agro -Fliegen wahrscheinlich immer wieder erlebt hast. Warum sagst du jetzt, da bist du dann teilweise doch gestresst, als einer, der nicht so die Skills hat wie du?

1:01:57Kevin Philipp

Ja, weil sie zum Teil auch nicht wissen, worauf die sich einlassen. Ich weiß, was das heißt, wenn du jetzt da runterkommst. Beim Agro -Fliegen sind wir meistens hoch, aber beim Cross -Fliegen, da bist du zum Teil 20, 30 Meter voll im Gas über dem Fels. Das ist dann halt schon mit sehr viel Risiko behaftet. Und von dem her bin ich in so Momenten dann schon recht nervös. Da ist mir die Gefahr schon bewusst. Und ich sehe dann zum Teil Leute, die können kaum fliegen und brettern einfach mal drüber.

1:02:29Lucian Haas

Fliegst du denn dann auch defensiver, weil du auch deinen Unfall von 2017 im Hinterkopf vielleicht hast und sagst so, hey, da hat es mich im Leaf und der Thermik so runtergespült. Ich mache lieber den größeren Bogen hier um die Felsnase da vorne oder Sonstiges.

1:02:43Kevin Philipp

Ja, absolut. Also wenn ich halt vor allem den Grund nähe, wenn ich ein bisschen Höhe habe, ist das eigentlich nicht so ein Problem. Und wenn ich jetzt tief bin, dann bin ich schon verhaltener als vor dem Unfall. Das ist ganz klar. Und das habe ich dann auch gesehen, als ich in Kolumbien einen kleinen Wettbewerb mitfliegen wollte. Da waren dann, also die Berge waren dann sehr flach und viele Hochspannungsleitungen. Und ja, war nicht so cool für mich, weil wir da tief über diese flachen Berge gepusht haben. Und ja, ich habe nach zwei, drei Tagen gesagt, ich will das Risiko nicht eingehen. Es ist nur für da irgendwie blöde, einen Wettbewerb zu fliegen. Und habe mich dann vom Wettbewerb entfernt und ging dann einfach so ein bisschen fliegen.

1:03:33Lucian Haas

Ohne Wettbewerb kannst du deine eigenen Strecken so wählen, dass du sagst, okay, ich muss nicht so nah an diese blöde Hochspannungsleitung ran oder was auch immer.

1:03:40Kevin Philipp

Genau. Also zuvor bin ich zum Teil wirklich recht kompromisslos tief über die Berge oder so. Und so hat man halt ein bisschen, also wirklich immer im Gelände, nah am Gelände. Aber mittlerweile schaue ich schon, dass ich noch ein bisschen mehr Platz habe. Also vor allem beim Crossfliegen. Beim Akrofliegen bin ich da ein bisschen safer. Die Schirme sind ein bisschen stabiler, haben mehr Druck drauf. Das ist ein bisschen was anderes.

1:04:08Lucian Haas

Es gibt ja so ein paar andere Akropiloten, die im Zuge ihrer Entwicklung oder ihres Lebens, sage ich mal, auch dieses XC -Fliegen und auch das Wettbewerbs -XC -Fliegen, immer mehr in den Vordergrund gerückt haben. Paltakats zum Beispiel oder Felix Rodríguez zum Beispiel und sowas, die heutzutage auch sehr häufig PWC fliegen und sonstiges. Wäre das ein Weg, den du dir auch vorstellen könntest? Oder sagst du dir, nee, dieses, ja eben, dieses pushige, so felsnahe oder geländenahe Fliegen, was die dann da im Wettbewerb machen, das will ich eben gerade nicht. Deswegen wäre dieser Weg nicht meiner.

1:04:44Kevin Philipp

Ja, es kommt drauf an, in welchen Gebieten oder welche Wettbewerber. Aber, es ist sicher etwas, das mich sehr reizt, in Zukunft mehr auch Comps oder Streckencomps zu fliegen. Momentan ist halt so eben, dass ich den Fokus wieder auf Acro gelegt habe und hier sehr, sehr viel Freude habe. Aber ich denke, in Zukunft tendenziell auch mehr wieder Strecken fliegen will und auch so in diese Richtung gehen will. Das Problem ist momentan halt auch durch Corona, dass all die Wettbewerber so schnell voll sind. Also da muss man sich irgendwie in einem halben Tag registrieren. Und wenn man da nicht schnell genug war und vor allem auch nicht irgendwie

1:05:30Kevin Philipp

vier Monate im Voraus weiß, ob man jetzt da hingehen will oder kann, dann ist das ein bisschen schwierig und ich müsste mich halt mal ein bisschen mehr auf das einlassen. Aber so halt spontan irgendwo ein Wettbewerben zu, ist in den letzten zwei Jahren nicht mehr wirklich möglich.

1:05:47Lucian Haas

Die Schweizer Meisterschaft im Agrofliegen, die hast du jetzt gewonnen. Das war so auch dein Trainingsziel eine ganze Zeit lang. Was ist dein nächstes, wirklich als nächstes großes Ziel, was du dir gesetzt hast?

1:06:00Kevin Philipp

Das ist schwierig zu sagen. Das nächste große Ziel.

1:06:05Kevin Philipp

Ich habe alle meine Ziele erreicht. Ich könnte heute sterben, wäre total glücklich, wäre richtig glücklich. Nee, nur Spaß.

1:06:15Kevin Philipp

Momentan ist es schwierig. Es gibt noch zwei, drei Filmprojekte, wo ich wirklich machen würde oder wo ich machen will. Zum Beispiel so ein paar Dinge, die noch auf der Bucketliste stehen oder so, die ich unbedingt noch machen will. Aber ja, da bin ich noch nicht wirklich konkret. Da muss ich mir meine Ziele noch genau definieren momentan.

1:06:39Lucian Haas

Das ist noch nicht spruchreif. Du kannst auch hier noch nicht, du willst auch dann noch hier noch nicht drüber reden.

1:06:44Kevin Philipp

Ja, ja, keine Ahnung. Ich habe schon, ich habe schon richtig gute Ziele. Also wie soll ich sagen? Ich habe viele Ziele in Zukunft, aber die sind halt nicht so konkret oder es ist nicht so. Ja, weiß jetzt auch nicht. Aber mein größtes Ziel ist halt einfach wirklich gesund zu bleiben und noch lange Gleitschirmfliegen zu können und meine Mutter nicht mehr so in Schrecken einzujagen.

1:07:06Lucian Haas

Ich habe gelesen, ich weiß gar nicht, wo das jetzt war. Da hast du auch häufiger von deiner Mutter erwähnt und irgendwie kam dein Vater immer nicht drin vor. Und da hast du gesagt, oh, ich bin mal gespannt, wie mein Vater darauf reagiert, wenn ich dann nach Hause komme, weil er dann nicht erwähnt wäre als derjenige, der sich Sorgen macht oder so. Wie hat er reagiert?

1:07:24Kevin Philipp

Ja, zuerst war er schon ein bisschen wütend oder so, weil er sich halt irgendwie schämen musste vor seinen Kumpels, weil er halt auch nicht gerne im Rampenlicht steht oder so. Dann hat ihn jeden darauf angesprochen. Mein Vater, ja, war nicht so froh drüber im Nachhinein. Als ich ihn gerade darauf angesprochen habe, war cool, dass ein Kumpel von ihm gerade vorbeikam und ihm ja gerade so gratuliert habe, dass ich so gelassen und so gut in der Situation war. Und da war er schon stolz, hat man gemerkt. Aber in unserer Familie macht man sich nicht so Zusprüche oder so. Aber wie soll ich sagen, sicher nicht mega Freude darüber gehabt, aber einen gewissen Stolz auch darüber, dass ich halt richtig dann gemeistert habe und jetzt heute noch hier bin.

1:08:14Lucian Haas

Bist du auch stolz darauf?

1:08:17Kevin Philipp

Nein, also ich weiß nicht. Ich denke, jeder andere in meiner Situation hat eigentlich dasselbe gemacht.

1:08:25Kevin Philipp

Ich weiß nicht, also wirklich stolz, nein, kann ich eigentlich nicht sagen. Ich bin mir bewusst, dass ich gut reagiert habe an gewissen Punkten, aber ich finde jetzt nicht, dass mich das groß von der Masse abhebt oder so.

1:08:38Lucian Haas

Gibt es etwas anderes, worauf du stolz bist?

1:08:42Kevin Philipp

Ja, klar, dass ich wieder laufen kann. Das ist etwas, worauf ich voll stolz bin. Schon auch auf die fliegerischen Erfolge, auf die, ich sage jetzt mal, die schönen Flüge, die ich in Kolumbien machen konnte und ja, dann auch ganz vieles anderes. Aber ich sage jetzt ja hauptsächlich halt das mit dem Laufen, sage ich.

1:09:06Lucian Haas

Wenn du dir etwas wünschen dürftest in deinem Leben oder für dein Fliegerleben, was wäre das?

1:09:14Kevin Philipp

Schwierig zu sagen. Ich bin ja fast wunschlos glücklich. Momentan ist dann noch so, dass die Finanzierung oder wie soll ich sagen, ich sage in Zukunft wäre es vielleicht noch besser, mit Sponsoren besser zusammenarbeiten zu können, um wirklich die Projekte, die Ideen, die ich noch habe, verwirklichen zu können oder so. Also wenn ich genug Zeit habe und dann ist natürlich alles möglich. Aber wie soll ich sagen, das ist immer auch noch eine finanzielle Frage und in Zukunft würde ich mir halt schon wünschen, vielleicht finanziell ein bisschen unabhängiger zu sein oder mir da ein bisschen mehr ermöglichen zu können. Weil jetzt zuvor der Sport ist halt, wie soll ich sagen, es ist kein Breitensport, wie wir alle wissen.

1:10:01Kevin Philipp

Es schaut nicht so viel draus und durch das sind halt unsere Möglichkeiten, vor allem beim Akrofliegen, ein bisschen begrenzt, weil wir versuchen da möglichst günstig zu leben, möglichst viel Geld zu sparen, möglichst, ja und das hindert uns dann halt schon zum Teil auch irgendwie die Ideen zu verwirklichen, die noch da sind.

1:10:23Lucian Haas

Aber in deinem Leben hast du ja gezeigt, du bist ein Beißer, einer, der dranbleibt, sich nicht abhalten lässt, wieder laufen zu lernen oder kurz vor Aufschlag doch noch den Rettungsschirm zu ziehen. Also Kevin, ich glaube, du wirst wahrscheinlich in diesem Punkt dann auch noch Erfolg haben und dann irgendwann auch darauf dann auch wieder stolz sein dürfen. Auf jeden Fall freue ich mich, dass ich dich hier im Podcast hatte. Kevin, vielen Dank für deine sehr ehrlichen Erzählungen.

1:10:49Kevin Philipp

Danke vielmals fürs Gast sein und gerne wieder.

1:10:55Lucian Haas

Also schauen wir mal, was du als nächstes noch wieder vollbringst, dann rufe ich dich wieder an und ich hoffe nur, dass du es nicht mehr solche Sachen machen musst, die deiner Mutter dann schrecken, einjagen oder deinem Vater natürlich genauso und dir vielleicht dann auch noch.

1:11:09Kevin Philipp

Ja, es ist wirklich etwas, das extrem selten passiert und keine Ahnung, ich kenne jetzt niemanden, der eigentlich es erlebt hat und von dem her bin ich da. Gute Dinge, dass ich in Zukunft mich ein bisschen safer in der Luft bewegen kann.

1:11:22Lucian Haas

Ja, wäre auch seltsam, wenn du das Gleiche noch ein zweites Mal erleben würdest. Ja,

1:11:27Kevin Philipp

das sagt niemanden

1:11:28Lucian Haas

hier.

1:12:03Lucian Haas

Aber ich glaube, dass du das auch hiervon lebe. Anders gesagt, ich bin auch auf deine Hilfe angewiesen, um noch viele weitere Podcastfolgen produzieren zu können. Dennoch musst du dich zu nichts verpflichten. Als Förderer von Podz-Glidz und Lu-Glidz bleibst du völlig frei. Es gibt nur eine einfache Regel. Du darfst geben, so viel du willst. Das kann ein einmaliger oder auch wiederkehrender Förderbeitrag sein. Du entscheidest. Falls du dir unsicher bist, welche Summe vielleicht angemessen wäre, dann mache ich dir einen ganz unverbindlichen Vorschlag. Wie wäre es mit einem Euro pro Podcastfolge und zwei Euro pro Lesemonat auf Lu-Glidz? Selbst übers Jahr zusammengerechnet ist das für dich immer noch günstiger als die Abogebühren eines klassischen Magazins.

1:12:53Lucian Haas

Zahlungen sind ganz einfach per PayPal oder Banküberweisung möglich. Alle nötigen Daten findest du auf meinem Blog Lu-Glidz und zwar dort auf der Seite Fördern. Lu-Glidz steht im Netz unter Lu-Glidz.blogspot.com. Lu-Glidz schreibt sich L U minus G L I D Z. Übrigens, ich bin stets auf der Suche nach weiteren interessanten Gesprächspartnern mit hörenswerten Geschichten aus dem Kosmos des Gleitschirmfliegens. Hast du einen Vorschlag? Dann erzähle mir davon und schicke mir, wenn möglich, gleich auch die Kontaktdaten. Am besten per E -Mail an luglitzkontakt at gmail.com. Das war's für heute. Bis zum nächsten Mal.

1:13:38Lucian Haas

Ciao.

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